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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kunst statt »Frauenarbeit«

Sticken als Rebellion

Stellt euch vor, ihr lernt jemanden kennen, der sagt: »Ich sticke.« Nicht unwahrscheinlich, dass dieser jemand Gefahr läuft, in eine Schublade gesteckt zu werden, in die er ganz und gar nicht gehört: Sticken ist Kunst und kann auch Rebellion sein. Wir haben uns mit drei Künstlerinnen über das Thema Stickerei und weibliche Kunst unterhalten.
Geschrieben am
Hannah Hill, 22 Jahre alt und Kunststudentin, hat ein Bild auf Twitter gepostet. Es ist ein Meme, das seit längerem die Runde macht: die zusammengeballte Faust der Trickfigur Arthur aus der gleichnamigen Kinder-Serie auf Nickelodeon. In der Wildnis des Internet ist es derzeit ein humorvoller Ausdruck des Verärgert-Seins - worüber, erklärt zumeist die Bildüberschrift. Hannahs Bild von Arthurs Faust ist allerdings ein Unikat: es ist gestickt, und die Faust umschließt eine Nadel mit einem Stückchen Garn. Darüber prangt: »Wenn dir einfällt, dass Stickerei im Laufe der Geschichte als Medium nicht ernst genommen wurde, weil es ›Frauenarbeit‹ ist«.

Fast 60.000 Retweets und über 160.000 Likes hat der Tweet gesammelt, und ließ viele aufhorchen. Denn die Lage ist doch so: jemanden, der Motive stickt, anstatt sie zu malen, nennen viele nur zögerlich einen Künstler. Hammer und Meißel rufen Michelangelo und Donatello ins Gedächtnis; Nadel und Faden eher die eigene Oma, den nervigen Handarbeitsunterricht in der Grundschule und vielleicht noch ein gelangweiltes Burgfräulein aus Grimms Märchen. Kursiert mal ein virales Kunstwerk aus diesem Metier, findet man die Grundeinstellung dazu allzu oft in den entsprechenden Artikel-Einleitungen: »Eigentlich interessiert mich sowas nicht, eigentlich ist es nicht wertvoll, aber dieses eine Mal schauen wir uns etwas davon näher an.«
Dabei hat die Stickerei als Medium nicht nur eine reichhaltige Geschichte, sondern erlebt derzeit wieder eine Renaissance auf Instagram und Tumblr. Wie ein roter Faden schlängelte sich der stille Protest entmündigter Frauen in Form von Stickereien und anderen Textilarbeiten durch die Jahrhunderte, und in vergangenen Jahrzehnten wählten viele Künstlerinnen und Frauenrechtsaktivistinnen bewusst den Weg zurück zum Textilmedium als Sichtbarmachung der Spuren, die weibliche Kreativität in der Geschichte hinterlassen hat, als der Zugang zu klassischen Medien und Kunst-Institutionen den Männern vorbehalten war. Heute existieren in den sozialen Netzwerken ganze Communities von Mädchen und Frauen, die in der Verwendung von Stoffen und Garnen die Verbindung zum Erbe des geschichtlich immer marginalisierten, weiblichen Ausdrucks sehen, ob ihre Arbeiten nun explizit politisch sind oder nicht.

So rasch, wie Feminismus online gedeiht, so schnell wird er auch angegriffen. Auch unter Hannah Hills Tweet bleibt Kritik nicht aus. Ein User twittert, um Hills Argument zu entkräften, seine Google-Suche von berühmten Wandbehängen. »Wandbehänge werden gewebt, nicht gestickt. Aber netter Versuch,« antwortet jemand. Der unzufriedene Twitterer lässt nicht locker: Der Teppich von Bayeux, ein riesiges Werk aus dem 11. Jahrhundert soll herhalten als Beweis, dass doch alles nicht so furchtbar ist. »Ja und,« kommentiert erneut derjenige, der verstanden hat, warum Hill Arthurs Faust geballt hat, »es gibt eine einzige berühmte, 950 Jahre alte Stickarbeit, die Männer bei ihren Heldentaten darstellt, und der Sexismus ist damit gelöst?« Genau das ist der Punkt: Stickerei hat geschichtlich gesehen nicht den gleichen Stellenwert wie Malerei, Fotografie, Bildhauerei oder Installationskunst, im Louvre und in der Tretjakow Galerie findet man sie nicht.
Ein Grund mehr, sich genauer anzusehen, was man beispielsweise auf Instagram alles unter dem Hashtag #embroidery findet: von kleinen Niedlichkeiten wie Blumenmustern und Tiermotiven über beeindruckende Portraits, die nicht gemalt, sondern gestickt wurden bis hin zu eindeutig politischen Slogans wie »FEMINIST« oder »#NOTMYPRESIDENT« für Empowerment und Protest, finden sich Millionen Einträge.

Wie landet man aber bei diesem Medium? Ist man sich automatisch der politischen Bedeutung bewusst, oder ist es nur der Spaß an der Sache selbst? Wir haben drei Künstlerinnen aus verschiedenen Ecken der Welt befragt, die Nadel und Faden für sich entdeckt haben.

Hier geht es zu den Interviews mit: