×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Vorsicht, keine Satire!

Kitty Green über »Casting JonBenet«

Wer tötete die 6-jährige Schönheitskönigin JonBenet? True-Crime-Dokus erleben derzeit einen Boom. Simone Schlosser sprach mit Regisseurin Kitty Green über ihre spezielle Art der Wahrheitssuche.
Geschrieben am
Der Fall von JonBenet Ramsey ist der Stoff, aus dem True-Crime-(Alb-)Träume sind: In einer Kleinstadt in Colorado wird eine 6-jährige Schönheitskönigin im Haus ihrer Eltern ermordet aufgefunden. Ein mysteriöses Erpresserschreiben deutet auf eine Entführung hin. Doch nach 20 Jahren gibt es noch immer keinen Täter. Dafür jede Menge Theorien: Die Mutter ist durchgedreht, weil die Tochter ins Bett gemacht hat; ein Spiel zwischen JonBenet und ihrem Bruder ist eskaliert; ein unbekannter Eindringling in Santa-Claus-Kostüm hat sich an dem Mädchen vergriffen. Die australische Filmemacherin Kitty Green kennt alle Szenarien. Als Teenager war die heute 32-Jährige besessen von dem Mordfall: »Wann immer ich jemanden aus Colorado traf, habe ich die Leute gefragt: ›Wer hat JonBenet Ramsey umgebracht?‹ Im Laufe der Jahre habe ich die ungewöhnlichsten Antworten bekommen«, erzählt sie beim Gespräch in Köln.

Diese Erfahrung war der Ausgangspunkt für ihren Film. »Casting JonBenet« ist keine klassische Tätersuche, sondern ein provokanter Anti-True-Crime-Film. Unter dem Vorwand, ein Casting für einen Film über JonBenet Ramsey zu machen, versammelt Kitty Green Menschen aus dem Umfeld der Toten vor der Kamera. Nachbarinnen, die für die Rolle der Mutter vorsprechen. Bankangestellte, die vor der Kamera den Vater geben möchten. Kleine Mädchen, die sich nach dem Vorbild der Kinderschönheitskönigin JonBenet Ramsey mit Krone und Glitzerkleid ablichten lassen. Die Auszüge dieser Casting-Tapes bilden den Kern des Films. Was klingt wie eine makabre Satire, ist ein spannendes Experiment.

Für Kitty Green ist der Mord an JonBenet Ramsey nur der Rahmen für eine größere Geschichte – über Schmerz, Trauer und Verlust und den Umgang damit: »Seit 20 Jahren bestimmt dieser Fall das Leben der Menschen dort. Aber höchstwahrscheinlich wird es niemals eine Aufklärung geben. Also müssen sie ihre eigenen Geschichten erfinden, um damit abschließen zu können.« In »Casting JonBenet« geht es um eine besessene Suche nach der Wahrheit, in einer Zeit, in der die Welt zunehmend komplexer, die Informationsflut im Internet immer unübersichtlicher wird. Nicht ohne Grund hat das True-Crime-Genre in den letzten Jahren einen beispiellosen Boom erfahren. Jetzt lotet Kitty Green die Grenzen dieses Genres noch einmal neu aus: »Ich war gelangweilt von den ganzen True-Crime-Formaten und wollte neue Möglichkeiten testen.« Das gilt auch für den Dokumentarfilm allgemein. Selten war eine Dokumentation so unterhaltsam und berührend zugleich. »Das ist kein Film über einen Mord«, erklärt Kitty Green abschließend. »Sondern ein Film über eine Gruppe von Menschen.«
— »Casting JonBenet« (USA/AUS 2017; R: Kitty Green; auf Netflix ab 28.04.17)