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F 2006

Keine Sorge, mir geht’s gut

“‘Keine Sorge, mir geht’s gut’ ist zwar kein klassischer Thriller, dennoch verdankt der Film seine Wirkung maßgeblich einem Geheimnis. Bitte unterstützen Sie uns, indem Sie die Auflösung nicht verraten. Herzlichen Dank.” So wirbt der Regisseur des Films im Presseheft um Verständnis für journalistisc
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“‘Keine Sorge, mir geht’s gut’ ist zwar kein klassischer Thriller, dennoch verdankt der Film seine Wirkung maßgeblich einem Geheimnis. Bitte unterstützen Sie uns, indem Sie die Auflösung nicht verraten. Herzlichen Dank.” So wirbt der Regisseur des Films im Presseheft um Verständnis für journalistische Verschwiegenheit gegenüber einer Suspense-Struktur, die so gar nicht im Vordergrund dieser Familiengeschichte in der Pariser Banlieue steht und erst gegen Ende immer sichtbarer an die Oberfläche drängt.
Das neue Werk des Regisseurs von “Die Frau des Leuchtturmwärters” basiert auf dem gleichnamigen Roman von Olivier Adam und kreist um das Leben der Familie Tellier, deren Sohn Loïc unter mysteriösen Umständen – nach einem Streit mit dem Vater – verschwunden ist. Seine 19-jährige Zwillingsschwester Lili kehrt aus einem Spanien-Urlaub in eine erstarrte Familie aus Mutter und Vater zurück, die keine Auskunft über den Verbleib des Sohnes geben kann oder will. Nur Lili selbst will sich mit dem scheinbar Unabänderlichen und Unerklärbaren nicht abfinden und reagiert zuerst mit Trotz, dann mit einer depressiven Anorexie, die sie in eine albtraumhaft kafkaeske Psychiatrie bringt. Während ihrer Hospitalisierung kommen auf einmal immer neue Postkarten ihres Bruders in ihrem Elternhaus an, in denen er sich bitterlich über seinen Vater beklagt. Von diesen Lebenszeichen mit neuer Tatkraft beflügelt, macht sich Lili anhand der Poststempel auf den Karten auf die Suche nach ihrem geliebten Bruder.
Die Trauer und die Sorge um ihren Bruder führen auch bei Lili, selbstzerstörerischer und doch ähnlich erstarrt wie ihre Eltern, zu einem sozialen Autismus und einem wunschlosen Unglück, das keine Perspektiven mehr zulässt: Das Unistudium gibt sie zugunsten eines Jobs als Supermarktkassiererin auf, das vormals freundliche Verhältnis zu den Eltern erkaltet, und romantische Liebe kann bei ihr gar nicht mehr, höchstens als entkoppelter, aus Verbundenheit gewährter Sexakt, stattfinden. Über diesem Drama der Ungewissheit und der Machtlosigkeit hängt das erstickende Vorstadt-Panorama der Banlieue, in der ein Haus wie das nächste aussieht und aus der es kein Entkommen gibt. So spielen die sozialen Zustände, in denen sich der Brotverdiener-Patriarch sein Leben lang für den Traum vom Eigenheim mit glücklicher Familie abrackert, der sich dann nur als seine eigene Farce entpuppt, eigentlich die Hauptrolle in diesem klar und ruhig inszenierten Film, der Tristesse endlich einmal weder überhöht noch wegpoliert.