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Die Predigerin

Kate Tempest liest in Köln

Kate Tempest kann mehr als Songs schreiben. Die gefeierte Musikerin überzeugt bei ihrer Lesung in Köln durch Bühnenpräsenz und verbale Breitbeinigkeit.
Geschrieben am
01.06.15, Köln, Stadtgarten

»Du musst dir Kate Tempest reinziehen«, muss man sich seit geraumer Zeit von Musik- und wortaffinen Menschen reinziehen, gefolgt von Begeisterung ausdrückender, gar wahnsinniger Gestikulation. Als kürzlich Tempests erster Roman »The Bricks That Built The Houses« erschien, folgte ich diesem Ruf dann mal. In der deutschen Übersetzung heißt das Werk »Worauf du dich verlassen kannst« und mit dieser miesen Übertragung steht meine erste Begegnung mit der Londonerin schon unter einem skeptisch dreinschauenden Stern.  

»Die preisgekrönte Rapperin und Lyrikerin Kate Tempest presst mit ihrem Debüt ihre Hand ans finstere, schlagende Herz der Metropolen, das im allesüberdauernden Takt von Drogen, Begehren und Freundschaft schlägt«, sagt der Klappentext. Och, nö. Geschichten von Menschen aus einer europäischen Großstadt, die Suche nach dem Sinn, Kritik am modernen Leben, prekäre Jobs und so weiter - ich kann es nicht mehr hören. Genau die Langeweile-Literatur, die mich bereits schon so oft beim ÖPNV-Lesen oder in Clubs in Form des Monsters namens »Poetry Slam« direkt hat einschlafen lassen. Das macht die Tempest ja auch noch: Poetry. Lasst mich doch mit dieser Generationsscheiße in Ruhe.

Tatsächlich mag ich jedoch ihre Musik, und ihr Album »Everybody Down« aus dem Jahre 2014 hat dafür gesorgt, dass ich mich total verknalle. Und da Liebende nicht aufgeben, gönne ich mir nun doch mal ihre Lesung. Der Stadtgarten ist ausverkauft, es gibt nicht mal genügend Sitzgelegenheiten. Ich kuschele mich daher zu den beiden jungen Frauen, die direkt vor der Bühne auf dem Boden Platz genommen haben. Erst wird von irgendeiner anderen Frau eine Szene aus der deutschen Version des Buches vorgelesen, und zwar die Stelle, in der sich die Protagonistinnen Becky und Harry das erste Mal begegnen. Die Charaktere aus »The Bricks that Built the Houses« kennt man zum Teil schon, sie traten bereits im Theaterstück »Wasted« (2012), im Gedicht »Brand New Ancients« (2013) und dem erwähnten Debütalbum auf. Ich gähne zum ersten Mal. Die Fülle an Sprachbildern hat mich schon beim Lesen genervt. Nichts ist wie es scheint: Körperteile sind Naturgewalten, Beziehungen sind so tief wie irgendein See oder Meer, Begehren so stark wie der Drang nach Metaphern, und so weiter. Ich sehe mich gefangen in einem Alptraum, sprich einem Kurs des Kreativen Schreibens, und fühle nichts. Der Boden ist unbequem wie ein Sturm, der einem die harten Hagelkörner direkt in die Augen katapultiert.
Doch was dann geschieht, soll mein Leben verändern. Gut, das ist die Übertreibung der Woche, aber Kate Tempest hat mich sofort. Sie schlendert auf und über die Bühne, setzt sich hin, ihre Locken fallen nach vorn, sie spielt an ihren Nägeln, mein Herz hüpft. Wie egal wir ihr sind! Liebe. Die Moderatorin, die glaube ich auch Kate heißt, macht ihren Job sympathisch und souverän, übersetzt engagiert, verknüpft Publikum und Autorin und stellt Fragen, die Kate 1 nicht interessieren und die sie mit ewigen Monologen und Appellen weit umschifft. Ihr Desinteresse ist nun dem Gegenteil gewichen, sie appelliert immer wieder an Menschlichkeit und das Miteinander. Wie geil Kommunikation ist und Menschen sind; so als hätte ich es noch nie gehört, verstehe ich jetzt. Ihr ständiges Cockney-»Fuck« und andere verbale Breitbeinigkeiten, die vom Publikum sogleich mit Kichern sanktioniert werden, sorgen dafür, dass sie nicht wie ein blöder Agitations-Hippie wirkt, sondern dass man sofort will, dass sie einen jetzt und hier aus dem Saal führt um im Kollektiv die linken Fäuste gegen generelle Scheiße in den Regen zu strecken. Sie predigt, sie schreit, sie verzweifelt. Alles was mich an der Zuschreibung »authentisch« anwidert, ist vergessen, denn Kate Tempest hat es.  

Um das Buch geht es dann doch auch noch mal. Die Einleitung, die eigentlich das Ende der Geschichte ist, trägt Tempest einfach mal aus dem Stegreif und natürlich im Stehen vor. Nur zweimal schaut sie im Manuskript nach dem Text. Und da begreife ich das Phänomen um diese Frau: Es ist ihre Bühnenpräsenz, die Art ihres Vortragens, die die Wirkung ihrer Texte auf eine ganz andere Ebene hievt. Auf dieser werden ihre alltäglichen Geschichten dann doch zu etwas Besonderem. Ich denke die ganze Zeit über Empathie nach, was daran liegen mag, dass dieses Wort ständige Erwähnung in den Ausführungen findet. »Literature is empathy-teaching«, was für eine Aussage, gleich mal aufkritzeln. Ich sitze mittlerweile wie eine Schülerin da und sauge jedes Wort meiner Predigerin auf. An alle, die irgendwas mit Kunst machen, hat sie auch noch eine Nachricht. Und zwar solle das, was man da macht, einen komplett fertigmachen. Man dürfe sich nicht »comfortable« damit fühlen, dann sei es nämlich falsch. Auf keinen Fall zufrieden sein, lautet das Credo: »If the finished thing is any good, you’re finished«. Finished ist auch ihr neues Album, das im September erscheint und dessen Namen sie hier und heute zum ersten Mal öffentlich verrät: »Let Them Eat Chaos« wird es heißen.
  Zufrieden und noch lange nicht fertig, trete ich den Heimweg an. Ihre Worte ziehen noch Kreise in meinen Ohren, wie ein Steinchen auf einem unruhigen Wasser, so tief, dass … ach, lassen wir das.

Kate Tempest

Worauf du dich verlassen kannst

Release: 21.05.2016

Kate Tempest

Everybody Down (Bonus Track Version)

Release: 16.05.2014

℗ 2014 Big Dada