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Lieblingsszenen

Karli Hotakainen

“Mitgefühl”, denkt sich Ilona einmal, “ist billige Wurst.” Sie muss ihre Kinder alleine aufziehen, weil Raimo, Ilonas Mann, den lieben langen Tag unter falschen Namen beim Zuschauer-Telefon des finnischen Fernsehens anruft, um sich über das schlechte Programm zu beschweren. I
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“Mitgefühl”, denkt sich Ilona einmal, “ist billige Wurst.” Sie muss ihre Kinder alleine aufziehen, weil Raimo, Ilonas Mann, den lieben langen Tag unter falschen Namen beim Zuschauer-Telefon des finnischen Fernsehens anruft, um sich über das schlechte Programm zu beschweren. In Los Angeles ringt zur selben Zeit Francis Ford Coppola mit Studiobossen um die Besetzung der Hauptrolle für “The Godfather” (Der Pate). Wenn der Film kein Erfolg wird, muss er “für den Rest seines Lebens bei Cornflakes-Reklame Regie führen”, und so behält das Sinnbild des New-Hollywood-Aufsteigers der frühen Siebzigerjahre im Ringen um die Hauptrolle die Oberhand. Don Vito Corleone wird er mit Marlon Brando besetzen, “dem Scheißkerl persönlich”.

Kari Hotakainens Roman “Lieblingsszenen” ist voller “Scheißkerle”. Es geht um Menschen, die nicht wirklich unser Mitgefühl verdient haben, aber letztlich doch in ihrer zur Schau gestellten Lebensuntüchtigkeit irgendwie interessant geschildert werden. Der Schriftsteller setzt diese Lebensuntüchtigkeit sprachlich brillant in Szene. Eigentlich ein Drehbuchautor, hat der im westfinnischen Pori geborene Hotakainen bereits vier Romane verfasst. In “Lieblingsszenen” verbindet er das Vorstadt-Familienleben am Rande des Nervenzusammenbruchs mit den Dreharbeiten zu “The Godfather”, die aus Geldmangel kurzerhand nach Finnland verlegt wurden. Dort taucht Raimo am Set auf, entwendet das Drehbuch und mischt sich ein, was zu allerhand Verwechslungen führt.

Hotakainen verknüpft Fakten mit Fiktionen, und er untergräbt sie gleichzeitig. Marlon, Francis und den anderen dichtet er etwas an. Dann vertauscht er die Handlungsebenen, so dass dem Gebräu aus Film-Anekdoten und Sprachwitz weniger Bedeutung zugemessen wird als dem Gang von der Couch zur Toilette in der Vorstadt-Wohnung. Außerdem lässt er Coppolas Koch-Künste als “Pasta”-Subplot mitschwingen: Hobbyköche, eat your heart!

Zwischen der auseinanderbrechenden Kleinfamilie und der epischen Inszenierung vom familiären Verbrecher-Clan entspannt sich eine vergnügliche Geschichte mit Showdown. Wenn Ilona “ihre Gesamtsituation immer nur in der Spiegelung der Spüle sieht”, kommt Hotakainen nicht nur den Sorgen und Nöten einfacher Leute auf die Spur, deren Leben ohne Träume verläuft. Er spiegelt dieses illusionslose Leben in der mythen- und anekdotenreichen Geschichte der Traumfabrik Hollywood wider. “Hollywood”, schrieb der Filmjournalist Peter Biskind einmal, “ist wie ein Spiegelkabinett.” Coppola erweiterte es um ein Kämmerchen. Durch die Brille von Kari Hotakainen betrachtet, wird dieses Mysterium ganz nebenbei entspiegelt – ohne dass dabei der Fabulier-Zauber verlorenginge.