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Karl-Heinz Dellwo

&Willi WinklerDie Geschichte der RAFRowohlt, 527 S., EUR 22,90Norman Mailer schrieb das Buch "Heere aus der Nacht" über den Marsch aufs Pentagon, bei dem 1967 Scharen von Unzufriedenen gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten. Der Autor nahm seine eigene Mehrfachbesetzung als Prominenter, betroffener
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Willi Winkler
Die Geschichte der RAF
Rowohlt, 527 S., EUR 22,90


Norman Mailer schrieb das Buch "Heere aus der Nacht" über den Marsch aufs Pentagon, bei dem 1967 Scharen von Unzufriedenen gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten. Der Autor nahm seine eigene Mehrfachbesetzung als Prominenter, betroffener Bürger und Chronist der Ereignisse ernst. So führte er sein gespaltenes Ego samt öffentlichem Image in den Roman als Geschichte ein, um seine Geschichte als Roman nachvollziehbar zu machen. Mailer wog die politischen Standpunkte ab, als Erzähler kam er jedoch nie ins Wanken. So konnte er auch Zweifel an seiner Perspektive zulassen. Eben dadurch war er dem Zeitgeschehen gewachsen und darüber hinaus in der Lage, Partei zu ergreifen.

Niemand hätte erwartet, dass der Journalist Willi Winkler mit seiner "Geschichte der RAF" über Mailers Messlatte springt. Dass er sich aber wie ein Limbo-Tänzer drunter durchzuwursteln versucht - na ja. Winkler ist offensichtlich angetreten, um den kriminologischen RAF-Nachschlagewerken wie "Baader-Meinhof-Komplex" oder "Tödlicher Irrtum" einen objektiven historischen Schmöker zuzufügen. Deshalb erwähnt er im Buch nicht, dass er selbst Zeuge wurde, wie der junge Militante Thomas Weisbecker von der Polizei erschossen wurde. Dafür dokumentiert er mitunter fahrig seine Zeugenschaft vieler Akten, die er durchaus mit etwas mehr Blick für die gesellschaftlichen Zusammenhänge, den Gründungsmythos der Bundesrepublik und Sinn für unterhaltsame Wendungen zu erzählen weiß als Stefan Aust oder Butz Peters.

Doch letztlich erntet der Stubenhistoriker mit Lizenz zum Kopfschütteln nur selbiges beim interessierten Publikum. Da sollte man lieber auf die Erfahrungen zurückgreifen, die der langjährig inhaftierte RAF-Aktivist Karl-Heinz Dellwo im Interview mit Tina Petersen und Christoph Twickel ausbreitet. Bei ihm weiß man viel genauer, woran man ist. Auch wenn seine Beschreibungen des BRD-Strafvollzugs überraschend tief unter die Haut gehen.