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Die Begegnung von Gehirn und Weltall

Jutta Koether / Fantasia Colonia

Vielen ist Jutta Koether vor allem als ehemalige Spex-Autorin und -Herausgeberin bekannt, Kölner Kunstszenegänger der Achtzigerjahre sahen sie zudem gerne als feministische Antwort auf die Künstlerhelden der Zeit wie Martin Kippenberger, Albert Oehlen oder Sigmar Polke. Von Kulturtheoretikern wird s
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Vielen ist Jutta Koether vor allem als ehemalige Spex-Autorin und -Herausgeberin bekannt, Kölner Kunstszenegänger der Achtzigerjahre sahen sie zudem gerne als feministische Antwort auf die Künstlerhelden der Zeit wie Martin Kippenberger, Albert Oehlen oder Sigmar Polke. Von Kulturtheoretikern wird sie als scharfsichtige Denkerin geschätzt, und Musiker wie Tom Verlaine oder Kim Gordon von Sonic Youth arbeiteten an eigenen Projekten mit ihr zusammen. Jutta Koether selbst besteht darauf, dass sie trotz all dieser Interessen, Tätigkeiten und Ideen zuallererst Malerin ist, was angesichts des mitunter etwas altmodischen Images der Malerei nicht wenige – gerade die Anhänger ihrer eigenwilligen Texte – erstaunt. Doch ist nicht das Wort, sondern die Farbe der “Ort, an dem sich mein Gehirn und das Weltall begegnen”, wie ein kleinformatiges Bild Auskunft gibt, in dessen Zentrum ein tieforangenes Metallstück leuchtet.

Zu sehen ist es in der aktuellen Ausstellung “Jutta Koether. Fantasia Colonia”, die der Kölnische Kunstverein Brücke der 1958 in Köln geborenen und seit Anfang der Neunzigerjahre in New York lebenden Künstlerin ausrichtet. Vom Keller bis zum Dachgeschoss hat Koether die Brücke im Kölner Zentrum mit Kunst besetzt, sich dabei intensiv mit den Räumen und ihren Möglichkeiten auseinander gesetzt und sie auf eigensinnige Weise genutzt. Die Ausstellung beginnt im Kinosaal, dessen Dunkelheit von einer Diashow erleuchtet wird. Ringsum an den Wänden sind im Zwielicht nahezu 200 Gemälde zu erkennen, und man kann nur ahnen, dass dies die Gemälde sind, die als Dias auf die Kinoleinwand projiziert werden. Diese eigens für die Ausstellung entwickelte Präsentation der 2003/04 entstandenen Bilder “Fresh Aufhebung” veranschaulicht aufs Beste, worum es Jutta Koether in ihrem Werk und Denken geht: die Untersuchung der Funktionen von realen und ideellen Räumen, der Verbindungen der Malerei zu anderen Systemen wie Kino, Musik oder Politik und damit der Bedingungen für den Diskurs, innerhalb dessen sich Künstler, und Menschen überhaupt, zu verorten haben.

Dieses vernetzende Denken, das heute so gerne “Crossover” genannt wird und inzwischen in allen Kunstsparten zum guten Ton gehört, wirkte zu Beginn der Karriere von Jutta Koether auf viele noch irritierend und brachte ihr den Vorwurf ein, nicht fokussiert zu sein und somit auf keinem Gebiet zu wirklicher Tiefe vordringen zu können. Dabei drückt sich der Fokus in einem Werk wie dem ihren nicht in medialen Formen aus, sondern vielmehr in einem theoretischen Kern, der vielleicht am ehesten ganz allgemein als Streben nach Erweiterung in jegliche Richtung zu bezeichnen wäre. “The only thing she really wants is to keep open the possibility of revolutionary subjectivity” ist auf einem anderen Blatt in einer Installation auf der Bühne im Theatersaal zu lesen. In einem Interview äußert Koether: “Es geht um den Künstler als Ergebnis der Diskurse und Abläufe, die ihn informieren. Die Wahl zu haben bewirkt sowohl eine Einschränkung als auch eine Definition der Subjektivität eines Künstlers.”

Dass dabei, zumal in den Achtzigerjahren, in denen sich viele der angesagten Maler in männlichen Künstlergenie-Posen gefielen, ihre Rolle als Frau von Belang sein musste, steht außer Frage. Das Bewusstsein, “sowieso in kein Vater/Sohn-Muster” zu passen und damit auf einen berühmten Künstler als Referenzfigur verzichten zu müssen, führte dazu, dass Jutta Koether in ihren Arbeiten zitierfreudig aus dem Bilderschatz berühmter Künstler schöpft. Im Untergeschoss des Kunstvereins finden sich die roten Bilder aus den Achtzigerjahren, die ungeniert Anleihen bei Manet, Cézanne oder van Gogh machen. Darunter das hübsche Bild von 1990, auf dem untereinander geschrieben steht: “Cézanne, Courbet, Manet, van Gogh, ich”.

Diese Haltung zwischen Stolz und Zurückhaltung, ehrgeizigem Ernst und Leichtigkeit charakterisiert auch die Performances von Jutta Koether, die sie oftmals gemeinsam mit Musikern macht. In ihnen besteht die Möglichkeit, Koethers wesentliche Parameter Musik, Sprache und Bild zusammenzubringen und als eine Einheit zu behandeln. Dabei wirken musikalische Prinzipien wie Rhythmus, Fuge oder Klang in allen Arbeiten, unabhängig von ihrem Medium, gleichermaßen ein. Jutta Koether spielt selbst am Keyboard, liest eigene und fremde Texte und spricht frei. Oft wirkt dies alles auf unbestimmte Weise zu viel, ausufernd, seltsam enthemmt, und der Drang zu gehen ringt permanent mit dem Wunsch zu bleiben und dabei zu sein, wenn sich die Künstlerin öffnet. Dieses manchmal schwer erträgliche “Zuviel” beinhalten auch viele der Gemälde, die meist in installativen Zusammenhängen inszeniert werden (in der Halle des Kunstvereins beispielsweise an einer langen blitzförmigen Plexiglaswand): Der Malgestus scheint oft ungezügelt, die Farben wirken grell, die Hängung der Bilder ist dicht, und überall im Haus, in allen Winkeln und selbst auf dem Dach vor der Feuertreppe, gibt es noch mehr zu sehen, noch mehr Kunst zu betrachten und zu begehen. In einer Zeit, in der es immer noch zu selten vorkommt, dass Frauen unbeeindruckt von der Meinung ihrer Umwelt ihren Standpunkt vertreten, tut dieses Sich-Breit-Machen einer Künstlerin wie Jutta Koether mehr als gut.

Fantasia Colonia, 26.05.-13.08., Kölnischer Kunstverein, Di-So 13-19h, Hahnenstraße 6, www.koelnischerkunstverein.de

Die Ausstellung wird vom 19.01.-11.03.2007 in der Kunsthalle Bern zu sehen sein.

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