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Verschwende deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New-Wave

Jürgen Teipel

Es war zu erwarten: Nach der Erfindung der Doku-Soap fürs Fernsehen würde über kurz oder lang auch “Doku-Roman” auf irgendeinem Buchdeckel prangen. Dokumentation und Roman sind indes eine widersprüchliche Kombination. Also: Was soll das bitte sein? “Verschwende deine Jugend”
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Es war zu erwarten: Nach der Erfindung der Doku-Soap fürs Fernsehen würde über kurz oder lang auch “Doku-Roman” auf irgendeinem Buchdeckel prangen. Dokumentation und Roman sind indes eine widersprüchliche Kombination. Also: Was soll das bitte sein? “Verschwende deine Jugend” ist im Grunde aber gar kein Roman, sondern schlicht eine Montage aus “1000 Stunden Interviews”, die Jürgen Teipel mit Veteranen der deutschen Punk-Bewegung resp. –Szene führte und dann (“Ich war selber schuld ...”) auf 1200 Interviewseiten abtippen durfte. Aber ein Buch allein aus 1200 Interviewseiten hätte vermutlich auch der gutmütigste Verlagslektor nicht ins Programm genommen, somit musste gekürzt werden. Oder wie Teipel es im Vorwort formuliert: “... meine Hauptaufgabe [war die] ... Auswahl des Wesentlichen.” Und so hat er seine 1000 Interview-Stunden auf ein erträgliches Maß gestutzt und anschließend zu einem neuen, zusammenhängenden Interview-Text gesampelt, gemixt und - wie auch immer - in eine neue Ordnung gebracht. Er hat eben einen Doku-Roman daraus gemacht, indem er die Protagonisten des deutschen Punk so zu Wort kommen lässt, dass sie scheinbar mit einer Stimme sprechen. So folgt beispielsweise auf einen O-Ton von Alfred Hilsberg unmittelbar das Statement von Campino, und nach Nina Hagens Ost-Punk-Erinnerungen kommt ergänzend ein Statement von Jäki Eldorado über Hagens Schlagervergangenheit. Diese Montagetechnik erinnert nicht nur an Alfred Döblin (“Der Roman hat mit Handlung nichts zu tun; [...] im Roman heißt es schichten, häufen, wälzen, schieben ...”), sie soll – so Teipels Idee – eine gewisse Objektivität in die Geschichte des deutschen Punk und New-Wave bringen. Und das gelingt auch. Die Zusammenstellung der Interview-Beiträge durch Teipel zeigt Verknüpfungen, Parallelen und Querverbindungen innerhalb und zwischen den verschiedensten Szenen auf, die ein Gesamtbild ergeben, ohne dem Leser eine vorgefertigte Interpretation vorzugeben. “Letztlich stelle ich einfach 100 verschiedene Wahrheiten zur Verfügung und überlasse es dem Leser, selbst zu entscheiden, wovon er sich angesprochen fühlt”, so Teipel. Natürlich birgt eine derartige Textkonstruktion die Gefahr der Geschwätzigkeit, aber die Schwätzer (Ben Becker, Nina Hagen und Campino) werden zugleich durch die Aussagen der anderen (Moritz R: “Die Toten Hosen sind halt übriggeblieben.”) entlarvt. Nebenbei bekommt der pubertätsbedingte (Möchtegern-) Punker von heute eine Geschichtsstunde in Sachen Popkultur und bundesdeutscher Politik (Herbst ‘77) resp. eine Ahnung davon, wie aus einer subkulturellen Bewegung (“Rodenkirchen is burning”) und den Anfeindungen, die diese in der bürgerlichen Presse wie Bild etc. erfuhr, die kommerzialisierte Spaßbewegung (Markus: “Ich Will Spaß”) der Neuen Deutschen Welle gemacht wurde. Unbeantwortet bleibt indes die von Jürgen Engler aufgeworfene Frage: “Wie kann ich dann heute noch Punk toll finden?” Zumal heute alles möglich ist. Auch langweiliger Punk-Rock ...