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So ist »The Death Of Stalin«

Zwei Gespenster gehen um im Kino: Monty Python und Josef Stalin

Armando Iannucci (»The Thick Of It«, »Veep – Die Vizepräsidentin«) möchte mit seinem Film über Stalins Tod und das groteske Ringen um sein Erbe die heutige politische Landschaft beleuchten. Ihm gelingt mit »The Death Of Stalin« eine starke Komödie, die in der Tradition des britischen Humors steht. (Artikelbild: Concorde)

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Was kann einen gefürchteten Diktator der Lächerlichkeit preisgeben, wenn nicht der Tod, der ihn ereilt wie jeden Sterblichen aus dem Volk? Vermutlich nur der Kreis seiner potenziellen Nachfolger, die hinter verschlossenen Türen beratschlagen, wie mit dem Verblichenen und seinem Erbe zu verfahren sei. Armando Iannuccis »The Death Of Stalin« spielt im Jahre 1953, in den letzten Stunden des Stählernen, der über 30 Jahre lang größten Einfluss auf die Geschicke der Sowjetunion hatte und dessen Verständnis des Marxismus-Leninismus längst schon Stalinismus genannt wird, welcher heute wiederum für politische Schauprozesse und Bestrafungen der grausamsten Art steht.

Der Filmemacher setzt auf ein großartiges Ensemble, subtilen Slapstick und nutzt die oben beschriebene Fragestellung. Sein banaler Tod lässt Stalin in Iannuccis schwarzer Komödie eben nur noch einigermaßen erhaben erscheinen, weil die Gruppe der möglichen Nachfolger aus dem Politbüro sich in dumpfem Opportunismus und alberner Ränke gegenseitig überbietet. Das alles ist weniger lustig, wenn man dran denkt, wie viele Menschen diese Typen wirklich auf dem Gewissen haben und wie schamlos sie ihre revolutionären Ideale verrieten. Oder wenn man sich vorstellt, dass Politik so funktioniert. Ein Haufen Männer arbeitet sich an den eigenen Komplexen ab. Aber komisch wird es hier natürlich trotzdem.

Schon zu Beginn von »The Death Of Stalin« macht Iannucci, der für seine US-Polit-Serie »Veep – die Vizepräsidentin« bekannt ist, eines ganz klar: Dieser Josef Stalin (Adrian McLoughlin), der einst an Lenins Seite für die Revolution kämpfte, hat den Bezug zu den Menschen der Sowjetunion vollkommen verloren. Ja, er ist bereits so weit von ihnen entfernt, dass ihn die Realität nur aus zweiter oder dritter Hand erreicht, ohne dass er es bemerken würde. So lässt er sich die Aufnahmen eines Konzertes bringen, das allerdings noch mal stattfinden muss, da beim ersten Mal die Aufzeichnung nicht gelingt. Despot Stalin ahnt nichts davon, als er schließlich noch am selben Abend der Musik lauscht. Doch im Zuge der spontanen Wiederaufführung, bei der nicht nur das Orchester, sondern auch das Publikum genötigt wird, an Ort und Stelle zu bleiben, nutzt eine Konzertbesucherin die Gunst der Stunde und schmuggelt eine kritische Botschaft in die Hülle der Platte, die Stalin später überbracht wird. Nachdem er diese ungeschönte Beschwerde aus dem Volk gelesen hat, kippt der Diktator aus den Latschen. Der tödliche Schlaganfall, der die Welt erschüttern wird, führt zunächst dazu, dass die Wachposten vor der Tür Überstunden schieben müssen und das Politbüro allmählich antanzt. Total aufgebracht und teilweise noch im Schlafanzug.

Wie es sich für ein zähes Gespenst gehört, dessen Andenken noch Putin nicht durch Vorführungen von »The Death Of Stalin« befleckt sehen will, weshalb der Film in Russland den Kinos fernbleibt, ist der Machthaber nicht sofort tot. So bleibt Zeit für den skurrilen Totentanz von Chruschtschow (Steve Buscemi), Malenkow (Jeffrey Tambor), Molotow (Michael Palin) und den anderen. Es ist wohl kein Zufall, dass Monty Python-Urgestein Michael Palin in der Rolle des treu ergebenen Molotow mitmischt. Wäre die britische Comedy-Truppe heute noch zusammen, würde sie wohl Filme wie »The Death Of Stalin« machen. Schlaue Komödien zu weltbewegenden Themen mit Darstellern, die männliche Lächerlichkeit bis in die Fußspitzen verkörpern, während ein paar coole Frauen die Lage verkomplizieren. Stirb langsam, Josef, möchte man dem dahinsiechenden Schreckensherrscher zurufen, damit man dem ulkigen Treiben länger beiwohnen darf. Bis einem das Lachen darüber im Hals stecken bleibt, wenn man an die Männerwirtschaft des deutschen Heimatministeriums denkt.