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Jonathan Dayton & Valerie Faris / Little Miss Sunshine

White-Trash-Familie mit Drang zu Höherem unterwegs von Albuquerque, New Mexiko nach Los Angeles, Kalifornien, um pummelige und im Grunde auch hässliche Tochter an einem Kinderschönheitswettbewerb teilnehmen zu lassen. Klingt nach billigem Klamauk? Wie man sich täuschen kann: “Little Miss Sunshine” i
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White-Trash-Familie mit Drang zu Höherem unterwegs von Albuquerque, New Mexiko nach Los Angeles, Kalifornien, um pummelige und im Grunde auch hässliche Tochter an einem Kinderschönheitswettbewerb teilnehmen zu lassen. Klingt nach billigem Klamauk? Wie man sich täuschen kann: “Little Miss Sunshine” ist eine der subversivsten, originellsten und nicht zuletzt witzigsten Komödien der letzten Jahre.

“Wir finden nicht, dass unsere Familie dem entspricht, was in den USA gerne als ‘dysfunctional family’ bezeichnet wird. Im Grunde ist es eine ganz normale Familie, die ein paar seltsame Dinge erlebt.” So zumindest sieht es Valerie Faris, die gemeinsam mit ihrem Mann Jonathan Dayton seit vielen Jahren Videoclips inszeniert. Nun haben sie sich an ihren ersten abendfüllenden Film gewagt. “Little Miss Sunshine” ist einer jener Familienfilme, die einen so verschrobenen Blick auf die amerikanische Gesellschaft werfen, dass man gerne von Sternstunden des Indiekinos oder ähnlichem Schwachsinn spricht. Doch so sehr Indie ist “Little Miss Sunshine” gar nicht, wirft man mal einen Blick auf das hochkarätige Schauspielerensemble: Greg Kinnear, Toni Colette, Alan Arkin. Und Steve Carrell, ein Name, der in Europa noch recht unbekannt ist, in den USA jedoch für erstklassige Stand-up-Comedy steht. Was Indie-Puristen ein Dorn im Auge ist, tut dem Film natürlich nur gut, denn diesem erstklassigen Ensemble gelingt es, die verschrobene Familie hervorragend in Szene zu setzen.

Was sind die Hoovers aber überhaupt für ein Haufen? Der Opa ist ein heroinabhängiger, notgeiler Mittsiebziger in Althippieklamotten, der Vater ein gescheiterter Motivationstrainer, Onkel Frank ein homosexueller, suizidaler Proust-Forscher. Die kleine dicke Olive möchte unbedingt Kinder-Schönheitskönigin werden, während ihr Teenie-Bruder Dwayne ständig Nietzsche liest und sich ein Schweigegelübde auferlegt hat, das er seit Monaten konsequent durchzieht. Lediglich die restlos bediente Mutter scheint mit dem Geschenk einer relativen Normalität ausgestattet zu sein, doch auch sie ist ihrem ersten Nervenzusammenbruch nicht fern. Also eine ganz normale Familie?

Dass die Hoovers natürlich an Chevy Chase und dessen durchgeknallte “National Lampoon”-Ferienfamilie erinnern, kommt nicht von ungefähr, und in den Klamauk-Szenen sind besagte Griswolds auch nicht fern. Der intellektuelle Überbau, der die Figur des Frank auszeichnet – Proust-Forscher, und dazu auch noch der wichtigste in den USA –, wird genüsslich dekonstruiert, wenn herauskommt, dass er nicht nur homosexuell ist, sondern auch eine Affäre mit einem Studenten einging. Als sein größter Konkurrent in der Proust-Szene ihm den Jüngling wegschnappt, will Frank nicht mehr leben. Von den beiden wird er dann mitten im amerikanischen Niemandsland zufälligerweise erwischt, als er für den Opa ein Pornoheft für Heterosexuelle kauft.

Jedoch geht “Little Miss Sunshine” noch tiefer und legt den Finger wie nebenbei auf die Wunden einer pervertierten amerikanischen Gesellschaft. Am auffälligsten, weil perversesten natürlich das große Finale beim kalifornischen Kinder-Schönheitswettbewerb. Faris und Dayton sind noch heute schockiert, in welch abgründige Zwischenwelt sie eingedrungen sind: “Leute lachen darüber und sagen, wir hätten alles überzeichnet”, so Dayton. “Doch die Mädchen, die man im Film auf der Bühne sieht, sind echt. Die Mütter sind echt. Wir haben recherchiert, sind auf diese Events gegangen und haben irgendwann mal den Mut gefasst zu fragen, ob sie vielleicht Lust hätten, in unserem Film mitzumachen. Wir haben natürlich darauf gewartet, dass sie uns rausschmeißen, aber nein.” Und Valerie Faris ergänzt: “Diese eine hyperaktive Mutter, die am Ende eine tragende Rolle spielt, auch die ist echt! Das ist tatsächlich eine dieser Schönheitswettbewerb-Mütter, die alle ganz begeistert waren, dass ihre Töchter von Mehrzweckhallenbühnen nun auch noch auf die große Leinwand kommen. Wir haben uns kaum getraut, ihr den fertigen Film zu zeigen, weil sie so blöd rüberkommt – und das Ganze ja schon als pädophil angehauchte Veranstaltung. Aber weißt du was? Sie war restlos begeistert.”

Bei allem Klamauk, bei allen Slapstick-Einlagen, so gelungen sie auch sind, zeichnet “Little Miss Sunshine” ein düsteres Bild von einem Amerika der unteren Mittelschicht und dem Scheitern des uramerikanischen Traums von Glück und Zufriedenheit. Die wahren Gewinner in diesem Film sind nur die Außenseiter, die nicht einmal in einem eh schon marginalisierten Teil der Gesellschaft einen Platz finden. Untermalt mit wunderbarer Musik von Sufjan Stevens und der Band Devotchka, ist dieser Film ein Höhepunkt des Filmjahrs 2006, der mit einfachen Mitteln viel erreicht und dennoch jenen in großer Kunst so notwendigen bitteren Nachgeschmack zurücklässt.

Am kommenden Dienstag findet eine exklusive Vorab-Preview (englische Originalfassung mit Untertiteln) im Kino im Museum Ludwig in Köln statt. Alle Infos hier.