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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Der schüchterne Mixtape-Typ

John Carney über seinen Film »Sing Street«

»Once«-Regisseur John Carney schickt das Ensemble von »Sing Street« zurück in seine Jugend im Dublin der 1980er-Jahre. Katja Peglow sprach mit ihm über den Coming-of-Age-Film, in dem New Wave und Eyeliner eine entscheidende Rolle spielen.
Geschrieben am
»Sing Street« steckt voller Details aus der Zeit deiner Jugend und voller Reminiszenzen an die musikalische New Wave der 1980er-Jahre. Würdest du ihn als deinen persönlichsten Film bezeichnen? 
Es ist eine witzige und idealisierte Coming-of-Age-Version meines eigenen Teenagerlebens. Autobiografische Züge sind definitiv vorhanden, zum Teil comichaft überzeichnet. Ich hätte mich mit 14 Jahren nicht als David Bowie verkleidet in die Schule getraut.

Es geht um einen Jungen, der sich zum ersten Mal Hals über Kopf verliebt und eine Band gründet, um das Mädchen seiner Träume zu beeindrucken. Hast du selbst mit dieser Masche damals Erfolg gehabt? 

Nee, ich war eher der schüchterne Mixtape-Typ. Ganz so autobiografisch ist der Film dann zum Glück doch nicht. 

Du bist ein Jahr lang auf dieselbe Jungenschule gegangen wie die Hauptfigur Conor, die erzkonservative
Synge Street Christian Brothers School in Dublin. Wie blickst du heute auf diese Zeit zurück? 

Mit gemischten Gefühlen. Dort herrschte ein raues und repressives Klima. James Joyce wurde noch zensiert. Es wimmelte von autoritären Lehrern, die jegliche Anzeichen von Individualität im Keim erstickten. Es wurde schon als aufsässiges Verhalten gewertet, wenn man mit braunen anstelle von schwarzen Lederschuhen in den Unterricht kam. Die Szene, in der Conor deswegen mit einem seiner Lehrer aneinandergerät, hat sich genau so zugetragen. 

Das Schulmotto lautet: »Benimm dich wie ein Mann.« Zufall oder Absicht, dass Conor ausgerechnet den grell geschminkten britischen New-Wave-Bands verfällt? 

Das war damals eben sehr populär. Aber sicherlich war es auch rebellisch, Musik von Männern zu hören, die sich über extravagante Frisuren, Kleidung und Schminke definierten.

Musik spielt in fast all deinen Filmen eine tragende Rolle. Was bedeutet sie für dich?
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Subkulturen und deren Musik noch ganze Generationen von Jugendlichen geformt haben. Mit zwölf habe ich in meiner ersten Schulband gespielt. Die Musik war grauenhaft, aber darum ging es nicht. Musik verbindet und schafft gemeinsame Erlebnisse. Klar, hin und wieder ging es auch darum, Mädchen zu beeindrucken.
Was hast du als Teenager gerne gehört?
Der Film gibt den Soundtrack meiner Jugend wieder, auch wenn ich nicht der allergrößte Duran-Duran-Fan war. Ich mochte lieber The Cure, The Jam und David Bowie, tendenziell eher englische als amerikanische Musik. Die Briten haben einen besseren Draht zu ihrer femininen Seite. 

War das junge Ensemble mit der Mode und Musik dieser Zeit vertraut?

Nicht im Detail, aber grob waren alle mit den Scheußlichkeiten der Dekade bekannt. Der Rest ließ sich leicht über YouTube nachholen.

London diente als popkultureller Sehnsuchtsort. War
Dublin Mitte der 1980er-Jahre wirklich so grau und trostlos, wie es in »Sing Street« dargestellt wird? 

Für Conor definitiv. Wegen der Rezession muss er auf eine weniger angesehene Schule wechseln. Dort wird er als Neuling regelmäßig vom Schulfiesling in die Mangel genommen. Zu Hause zoffen sich seine Eltern ständig. Aufgrund der damaligen irischen Gesetzeslage können sie sich nicht scheiden lassen. Der Einfluss der katholischen Kirche auf die irische Gesellschaft war nach wie vor sehr groß, auch wenn dieser ab Mitte des Jahrzehnts langsam abzunehmen begann ...

Die einzige Ausflucht aus dem Alltag findet Conor also beim nachmittäglichen Zappen durch das Musikfernsehen?

Genau. Plötzlich entdeckt Conor auf MTV diese verheißungsvoll glitzernde Popwelt. Er beschließt, selbst ein Teil davon zu werden.

Durch die Band schützt sich Conor nicht nur vorm Schulschläger und findet neue Freunde, sondern kommt auch noch dem Mädchen seiner Träume näher ...

Manchmal ist das Leben eben doch genau wie in einem Duran-Duran-Video.

Deswegen auch das fast schon fantastische Ende?

Ach, diese Sehnsucht nach einem aufregenderen und weniger konformen Leben, die steckt doch in jedem von uns.

Nicht nur Filmfans kommen bei »Sing Street« auf ihre Kosten. Auch Mode die Mode weiß zu überzeugen, wie unsere Galerie mit Street-Styles zeigt.

Wir haben die Gäste der Preview von »Sing Street« um ihre Meinung zum Film gebeten. Hier kommen die Kommentare!


– »Sing Street« (IRL/GB/USA 2016; R: John Carney; D: Ferdia Walsh-Peelo, Aidan Gillen, Maria Doyle Kennedy; Kinostart: 26.05.16)