×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das Handwerk des Nazischlachtens

Jeremy Saulnier über seinen Film »Green Room«

Eine Punkband sitzt in einer Skinhead-Bar fest, als sie Zeuge eines Mordes wird. Das bleibt nicht die einzige Bluttat in diesem feinen Slasher-Horror. Patrick Heidmann sprach mit Regisseur Jeremy Saulnier über Punk, Neonazis und die Segnungen der Reagan-Ära.
Geschrieben am
Wie kam es zu der Geschichte des Duells Punks gegen Nazi-Skins?
Die Punk-Szene war wichtig für mich. Ich bin in den langweiligen Vororten von Washington D.C. aufgewachsen, und als ich mit Punk in Berührung kam, fing ich sofort Feuer. Es muss 1985 gewesen sein, da hörte ich ein Album der Dead Kennedys. Eine Woche später überredete ich meine Mutter, mit mir zu einem Plattenladen zu fahren, um eine Sex-Pistols-Kassette zu kaufen.

Punk war fester Teil deiner Sozialisation?
Ja, später wurde ich Skate-Punk, und durch die älteren Jungs lernte ich weitere Bands kennen. Als ich einen Führerschein hatte, ging es ständig nach D.C., wo es eine ziemlich lebhafte Punk-Szene gab, aus der Hardcore geboren wurde. Meine Freunde und ich hatten am Wochenende nur zwei Dinge im Kopf: Entweder wir spielten auf Punk-Konzerten oder wir drehten blutige Zombie-Filmchen.

Hast du solche Brutalität wie in deinem Film in der Szene erlebt?
Die Stimmung veränderte sich, als Anfang der 1990er-Jahre Skins und Neonazis zum Bestandteil der Punk-Szene wurden. Da lag Gewalt in der Luft. Das sorgte für eine ganz eigene Stimmung und Energie bei den Konzerten. Später kam es oft zu Schlägereien. 

Hattest du manchmal Angst?
Vor etlichen Neonazis habe ich immer noch Angst. Deswegen gab ich mir große Mühe, dass sich die Gruppe in »Green Room« nicht einer bestimmten realen Neonazi-Fraktion zuordnen lässt. Man weiß ja nie ...

Gibt es viele Neonazis in den USA?
Oh ja. Für eine Weile schienen sie fast verschwunden. Doch seit Obamas Präsidentschaft haben Hass-Gruppen und rechtsextreme Organisationen leider enormen Zulauf. Plötzlich agieren sie wieder sichtbar. Vielerorts feiern sie unbehelligt Partys, auf denen sie Kreuze verbrennen – und sie veranstalten Konzerte. »Green Room« ist realistischer, als mir lieb ist.

Davon abgesehen ist der Film auch sehr komisch. 
Den Schauspielern durfte nicht allzu sehr bewusst werden, wie lustig er letztlich sein würde. Natürlich kannten alle das Drehbuch und wussten, worum es mir geht. Aber es war essenziell, dass sie ihren Job mit völliger Ernsthaftigkeit angehen, sonst hätte der Humor aufgesetzt gewirkt. Für mich als Drehbuchautor und Regisseur war das eine ziemliche Herausforderung. 

Würdest du »Green Room« als Hommage an die Filme der 80er- und 90er-Jahre beschreiben? Um Gottes willen, nicht an die 90er! Aber das mit den 80ern haut ästhetisch hin. Ich liebe die Zeit, in der Roboter nicht am Computer entstanden, sondern mittels Stop-Motion zum Leben erweckt wurden. Und man denke nur an das Action-Kino der Reagan-Ära. Da war natürlich Propaganda im Spiel, aber visuell waren die Filme etwas Besonderes. Düster und brutal – und statt auf Tricktechnik und CGI kam es auf Handwerk an. Daran habe ich mich ein wenig orientiert.
— »Green Room« (USA 2015; R: Jeremy Saulnier; D: Anton Yelchin, Imogen Poots, Patrick Stewart; Kinostart: 02.06.16; Universum)