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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wie eine gute Instrumentalband

Jenni Zylka

Schön, dass es sich auch mal in der deutschen Literatur-Szene herumspricht, dass a) »Pop-Literatur« nicht nur aus der Sicht von Jungs aus der oberen Mittelschicht kommen muss und dass b) vielleicht das gesamte Genre »Pop-Literatur« überflüssig ist, weil man c) auch einfach spannende, unspießige Pr
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Schön, dass es sich auch mal in der deutschen Literatur-Szene herumspricht, dass a) »Pop-Literatur« nicht nur aus der Sicht von Jungs aus der oberen Mittelschicht kommen muss und dass b) vielleicht das gesamte Genre »Pop-Literatur« überflüssig ist, weil man c) auch einfach spannende, unspießige Prosatexte über und aus dem normalen Leben schreiben kann, die die Unterscheidung in »U« und »E« ad absurdum führen. Und es ist ja auch in anderen Ländern nicht so, dass völlig selbstverständlich die Gefühle des Erwachsenwerdens immer nur aus der männlichen Perspektive erzählt werden. Noch dazu aus einer konservativen. Insofern ist Jenni Zylka – auch bekannt von ihren wunderbar abgehangen-feministischen taz-Kolumnen – schon mal ein Lichtblick. Denn sie beschreibt das Leben so, wie wir es kennen: Sie erzählt kenntnisreich aus dem Alltag einer Girlband, die sie originellerweise eher »Damenkapelle« nennt und gleich mal Instrumentalmusik machen lässt, weil so was gibt’s ja wirklich nicht. Sängerinnen ja, aber ... Das weiß auch die Berliner Beat Bande – und weist immer mal wieder zwischen den Zeilen auf Sachen hin wie, dass das Computer-Rechtschreibprogramm z. B. die »Schlagzeugerin« als Fehler rot unterkringelt. Trotzdem klettert die 60s-inspirierte Beat Bande steil bergauf, und wir durchleben alle Phasen ihrer Bandgeschichte, die in den 90ern spielt. Nebenbei geht’s via Schuhticks, Mascara-Liebschaften und Keyboardexzessen heiß her. Das Buch lebt von all den kleinen, manchmal fast zu auserzählten Details – aber vor allem davon, dass hier alle musikalischen Codes und Bezüge stimmen. Was die Erzählung sehr lebensnah und wenig ausgedacht wirken lässt. Nur die wirklichen Härten (und damit verbundenen gesellschaftlichen Realitäten) spart Zylka ein bisschen aus – aber das ist vielleicht Berlin, wo es für Frauen ja auch nicht so hart zugeht wie im restlichen Deutschland, weil Kreativität und Boheme so selbstverständlich lebbar sind wie Kaffeetrinken und Jamaika-Rum ordern. ›Beat Baby, Beat‹ ist wie eine gute Instrumental-Band: mir persönlich ein bisschen zu unpoetisch und zu flapsig-kritisch. Aber das ist bestimmt beabsichtigt. Literatur für Leute, die gar nicht mehr wissen, was Literatur noch sein könnte. Aber unterhaltsam. Und aus einer Sprechposition heraus, die lange überfällig war. Und vielleicht gerade deshalb noch mehr auf den Tisch hauen könnte.

Jenni Zylka
Beat Baby, Beat!
Rowohlt Taschenbuch, 224 S., 12 EUR