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Wohlfühlpatriotismus vs. Ironie

Jan Böhmermann und »BE DEUTSCH«

Mit »BE DEUTSCH« hinterlässt Jan Böhmermann geteilte Meinungen. Ist sein neues Video ein Manifest des Wohlfühlpatriotismus oder doch das doppelbödige Spiel mit Selbstwahrnehmung und Ironie?
Geschrieben am
Selten sorgte ein Video zuletzt für derartigen Diskussionsbedarf in der Redaktionskonferenz. Ist »BE DEUTSCH« tatsächlich der Befreiungsschlag für die verkrampften Weltmeisterdeutschen, die zwar ausgelassen im Fahnenmeer plantschen, wenn Deutschland toll Fußball spielt, sich aber zu anderen Zeiten ebenso gern als liberal, weltoffen und mitfühlend darstellen? Eine Hymne für ein Volk von Atheisten, das sich denkt: Wenn schon einer Papst sein muss, dann wenigstens ein Deutscher. So in der Art? Oder ist doch alles ganz anders und geht es Jan Böhmermann und seiner Redaktion genau um dieses Spiel mit der (Selbst-)Wahrnehmung? Wird hier der müden Mehrheitsgesellschaft der Spiegel der eigenen Gemütlichkeit vorgehalten und genüsslich auf die Reaktionen gewartet? Ist »BE DEUTSCH« also der nächste Grimme-Preis würdige Medien-Coup?
»Ich bin Berufsskeptiker und halte es auch für blöd, wenn ein ganzes Stadion einen Spieler ausbuht«, gab Jan Böhmermann selbst in unserer Titelstory im Dezember zu Protokoll. »Oder wenn sich mehr als fünf Menschen mit einem deutschen Pass auf einem Haufen versammeln und irgendetwas Deutsches wollen. Ganz schwierig.« Eine Aussage, die eine platte nationalistische Botschaft des Videos eigentlich ausschließen sollte. Doch warum freut sich dann Stern.de so sehr über die Ansprache des kleinen blonden Mädchens und hält fest: »Böhmermann tritt an, unser Land zu verteidigen«? Jan Böhmermann rufe »zu Rammsteinklängen zum Aufstand der Anständigen gegen Flüchtlingshetze und Nationalismus auf«, findet Focus Online und auch das Medienbranchenportal Meedia sieht in »Be Deutsch« einen »unorthodoxen Aufruf zu einem besseren Miteinander in aufgeregten Zeiten.« 
Sascha Lobo hält Böhmermann generell für einen »Lichtblick in der Medienlandschaft«, zeigt sich jedoch irritiert von der »Botschaft des Videos, die auch durch zweieinhalb ironische Schleier hindurchgepresst noch sichtbar lautet: Am (neuen) deutschen Wesen sollen alle anderen genesen.« Eine gefährliche Aussage, so Lobo weiter. »Wir hatten doch Hitler, und jetzt nicht mehr, also sind wir Experten im ex-böse sein. Sticht alles. An Differenzgutheit macht uns keiner was vor!« Hier verstecke sich »ein Wohlfühl-Chauvinismus mit nationalistischem Sound«, aber noch viel schlimmer: »Wer sich so eindeutig als ex-böse und jetzt gut positioniert, tut so, als sei schon alles vorbei, die Schlacht längst geschlagen. Das ist nicht so – dieser Kampf, der gegen Menschenverachtung nämlich, der ist immer. Hört nie auf.«

ZEIT Online scheint diese Beobachtung zu teilen und fragt, »ob man hier vor einem Böhmermann-Video sitzt oder vor dem neuen Uefa-Spot gegen Rassismus?« Der Kommentar kommt zum Schluss: »Wer Sojawürstchen isst, ist kein Rassist. Das ist, kurz gesagt, die Aussage dieser Deutschlandhymne. Und: Wer Funktionsklamotten trägt, zündet keine Flüchtlingsunterkunft an.« Tatsächlich trägt ein nicht unerheblicher Teil des autonomen rechten Lagers die wetterbeständigen Windbreaker gern zur Demo. Ebenso, wie die Antifa bevorzugt in Schwarz. Weiß Jan Böhmermann das? Und liegt darin vielleicht die verschachtelte Kritik des allgegenwärtigen Bedürfnisses, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein? Schließlich drückt kaum etwas diesen typisch deutschen Wunsch nach Effizienz und Sicherheit so gut aus, wie die Multifunktionsjacke.






Beim Blogger- und Journalistennetzwerk Ruhrbarone finden sich zwei der gängigen Positionen. »Eine nationalistische Message, mehr als dürftig durch oberflächliche Ironie kaschiert«, kommentiert Felix Christians und zieht das Fazit: »Böhmermanns neuer Streich ist sein endgültiges Coming-out als Wohlfühlnationalist, als Moralapostel und Anwalt der Nation – nächste Station Fernsehpreis, danach noch einige Jahrzehnte unverkrampfter Belanglosigkeit und vielleicht eine WG mit Thees Uhlmann.« Dagegen meint sein Kollege Sebastian Bartoschek in Christians Analyse »jene stereotypen Erklärungs- und Herabwürdingsmuster, die progressive Linke so schätzen« zu erkennen und verkündet stattdessen: »Danke Jan Böhmermann! Danke für das schöne Video. Es spielt gekonnt mit Klischees dessen, wie wir Deutschen uns selber sehen, gesehen werden – und gerne sein würden. Es bietet die Möglichkeit zu einem positiven Identifikationsrahmen mit unserem Land.« Ist die Interpretation damit eine Frage des politischen Standpunkts? Und wo, steht denn dann eigentlich der Absender, wo steht Jan Böhmermann?

Er wählt die sichere Seite der Selbstpromotion und weist auf seinen Socialmedia-Profilen fleißig darauf hin, dass »BE DEUTSCH« mittlerweile auf Spotify und iTunes zu haben ist. Natürlich inklusive der entsprechenden Links. In diesem Zusammenhang erscheint auch die Wahl der englischen Sprache strategisch klug, knapp eine Woche nachdem Frauke Petry durch das Conflict Zone-Interview zum internationalen Thema wurde.
Ein weiteres Statement von heute Mittag sorgt indes sogar noch etwas mehr für Verwirrung als die unsubtilen Kaufhinweise. »April, April« kann man seit 12 Uhr auf Böhmermanns Twitter- und Facebook-Kanal lesen. War am Ende doch alles einfach nur ein Scherz und die Debatte um das Video das eigentliche Ziel? Lacht kaputt, was euch kaputt macht? Für weiteren Diskussionsbedarf ist also auf jeden Fall gesorgt.