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»Ein Quantum Trost«: Der Mann von der Straße

James Bond, deine Mutter

Zwei Jahre nach dem »Reset« tun sich Teile der Fangemeinde immer noch schwer mit Daniel Craig. Alexander Dahas jedenfalls ist mäßig begeistert.
Geschrieben am
Neulich beim Franz Ferdinand-Interview: »Was bitte ist denn ›Ein Quantum Trost‹ für ein dämlicher Titel? Soviel ich weiß, ist ein Quantum eine Maßeinheit, und Trost ein abstraktes Konzept. Das man als solches nicht messen kann. Also wirklich!« Tja, wenn sich selbst die Rockstars an der Rübe kratzen, was soll denn dann erst die Allgemeinheit denken? Zwei Jahre nach dem "Reset" der erfolgreichsten Filmreihe überhaupt tun sich Teile der Fangemeinde immer noch schwer mit der Auswertung.

Muss man sich in dieser langweiligen Diskussion um den Lieblingsbond nun etwa ernsthaft auf einen weiteren Kandidaten einlassen? Wo doch jeder gesehen hat, dass Daniel Craig nackt aussieht wie von Mattel, und außerdem so verkniffen zu Werke geht, als drohe ihm bei Lizenzentzug gleich das Arbeitsamt. Der beste Bond aller Zeiten ist außerdem eh Roger Moore, wie jeder weiß, einfach aufgrund seiner sagenumwobenen Faulheit, die den gesamten Bond-Kosmos erst in eine erträgliche Perspektive rückte. 

Von Daniel Craig dagegen heißt es, er verkörpere wie kein Zweiter den ursprünglichen Charakter von Ian Flemings Fetischistenfigur, und die sei nun mal kalt, berechnend und grausam. Das passt natürlich zur zeitgeistigen Philosophie, nach der man entweder Dieter Bohlen, Oliver Kahn oder der Dalai Lama sein muss, um Überliefernswertes zum Zusammenhang von Ehrgeiz und Erfolg beitragen zu dürfen. James Bond ist da inzwischen auch angekommen.
In »Ein Quantum Trost« hat man den Eindruck, Wohl und Wehe der freien Welt hingen diesmal nicht von 007s Sexeskapaden und seiner Unverfrorenheit, kurz: seiner Agententätigkeit ab, sondern von seiner Befindlichkeit. Damit ist es zunächst einmal nicht so weit her, denn in einer direkten Fortsetzung der Geschichte aus »Casino Royale« (musste ich auch erst wieder nachschlagen - daher am besten als Double Feature gucken!) hat James Bond so einigen Groll geschluckt, den M nur schwer kanalisieren kann. Überhaupt geht hier so Mutter-Sohn-mäßig einiges, und die Welt ist nicht genug in solchen Fällen: Lizenzen zum Töten werden einkassiert, missachtet und wieder ausgestellt wie bei Timothy Dalton.

Darunter leidet leider der Anspruch, sich aus der Cartoon-Ecke zurückzuziehen und ein realistischeres Agentenleben zu zeichnen, wie es Graham Greene gerne mit Le Carré am Telefon bequakte. Bond lästert nun nicht mehr nur über die Beatles, sondern ist auch sonst eine harte Drecksau geworden, die auf Martinis und Verführungsmanöver verzichten kann, wenn man in der gleichen Zeit auch wen töten kann. Als Lifestyle hat das kaum mehr etwas von der schnöseligen Arroganz, mit der die James Bonds vergangener Tage irgendwo kenntnislos rein- und wieder rausrauschten, einen flotten Spruch auf den Lippen und einen Drink in der Hand. 

Der neue James Bond steht dagegen permanent an der Grenze zur Trunksucht und würde wahrscheinlich zuschlagen, wenn man seine Mutter beleidigt. Das ist zwar nicht gerade sehr weltmännisch, macht aber wahrscheinlich im Nahkampf in U-Bahn-Stationen mehr Sinn, und im Zweifel finden sich die Besucher der Multiplexe auch in der neuen Humorlosigkeit wieder. Man fühlt sich unwillkürlich an die Worte Scaramangas erinnert, der Bond einst als besseren Streifenpolizisten verhöhnte, was im Nachhinein auch nicht schlimmer klingt als besserer Türsteher. Als männliches Rollenmodell auf jeden Fall eher eine Fünf minus.