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Im Kino: Der Kampf der Deklassierten

It's A Free World

Ken Loach erzählt in seinem jüngsten Film die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die von den prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen anderer profitieren möchte.
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Der Seitenwechsel als Befreiungsschlag oder: Angriff ist die beste Verteidigung. Ken Loach erzählt in seinem jüngsten Film die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die von den prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen anderer profitieren möchte.

Wir sind es schon fast gewohnt, mit prekarisierten Lebens- und Arbeitswelten konfrontiert zu werden. Menschen ohne längerfristige Perspektive versuchen im Tagesrhythmus, über die Runden zu kommen. Aufstiegsversprechen haben sich für die meisten erledigt, sozial- und krankenversicherte Arbeitsverhältnisse sind der Ausnahmefall, Bildung und Arbeitserfahrungen werden massenhaft verschrottet - auch Familien- und Liebesbeziehungen geraten über die Turbulenzen auf dem Arbeitsmarkt zunehmend unter Druck.

Der Widerstand gegen diese Verhältnisse ist eher still, weil es den Vereinzelten kaum gelingt, im alltäglichen Kampf solidarisch an die Erfahrungen anderer anzuschließen. Ständig fällt man auf das nackte Dasein zurück oder ertappt sich - und so auch seinen Nachbarn - beim erneuten Versuch des ellenbogengesteuerten Durchwurstelns. Manche versuchen, das eigene wacklige Dasein auf die nicht minder wackligen Schultern der anderen zu verlagern. In "It's A Free World" erzählt Ken Loach eine solche Geschichte des Seitenwechsels. Der Versuch der Protagonistin, sich von der Ebene der rauen Konkurrenz vogelfreier Lohnabhängiger auf die Ebene der Unternehmerkonkurrenz zu hieven, soll ihr helfen, von der Prekarität selbst zu profitieren.

Trailer: "It's A Free World" (HQ)



Die alleinerziehende Angie (Kierston Wareing), äußerst attraktiv und aus einer gut situierten Arbeiterfamilie stammend, ist seit Kurzem bei einer Londoner Zeitarbeitsfirma beschäftigt. Weil sie der sexuellen Belästigung eines Vorgesetzten nicht nachgeben will, wird sie fristlos gekündigt. Ein weiterer Job geht zu Ende. Notgedrungen entscheidet sich die tatkräftige 30-Jährige, ihre Erfahrung als Arbeitsvermittlerin in die Gründung einer Hinterhofagentur für migrantische Tagelöhner zu investieren. Eine Homepage ist mithilfe ihrer Freundin Rose (Juliet Ellis) schnell erstellt - ein Regenbogen schmückt das Firmenlogo von "Angie & Rose Recruitment". Kontakte zu Unternehmen aus der vorangegangenen Tätigkeit helfen den beiden Frauen beim Aufbau eines Kundenstamms. Ohne finanzielles Kapital oder Kreditwürdigkeit stehen ihnen jedoch nur illegale Wege offen, um voranzukommen. So umgehen sie noch die letzten verbleibenden Arbeitsrechte und Steuerauflagen und schöpfen skrupellos aus der Reservearmee der Deklassierten, um sie - teils ohne Aufenthaltserlaubnis - in die Schattenwirtschaft der Londoner Industrie- und Baubetriebe zu schleusen.

Die Arbeiterinnen stammen vor allem aus Osteuropa und dem Nahen Osten und sind Angie und Rose zunächst auch dankbar für die harte Arbeit und den mageren Lohn. Deren Plan scheint aufzugehen: Sie haben das Lager der Ausgebeuteten verlassen und sind selbst zum Ausbeuter geworden. Erst als Angie vom vernachlässigten Sohn und dem geplatzten Scheck eines Großkunden eingeholt wird, verschärft sich die ohnehin spannungsgeladene Situation: Die Ausgebeuteten fordern gewalttätig ihren Lohn, ihre alleinstehende Freundin Rose ein Mindestmaß an Moral, selbst dann, wenn die eigene Existenz oder die der Familie auf dem Spiel steht.
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/3/1080770301/1226952962]Ein netter Film. Kurzweilig erzählt und gut geschauspielert.[/usercomment]
Ken Loach zeigt in "It's A Free World", warum die Vielzahl von Prekarisierten nicht als graue einheitliche Masse oder als "Prekariat" begriffen werden kann. Er schildert auf realistische Weise, wie vom Mittelstand bis zu migrantischen Tagelöhnern - vom Laptop bis zum Wischmob - feine, aber bedeutende Unterschiede von sozialer Herkunft, Nationalität oder Geschlecht herrschen, die die Masse an "freien" Lohnabhängigen aufteilen und in Konkurrenz zueinander setzen. Vorherrschend ist vor allem die Angst vor dem sozialen Abstieg und der Isolationshaft in der Misere. Die Rigidität der Verhältnisse schlägt um in einen bedingungslosen offenen Kampf gegen Mitgefangene.


It's A Free World (GB 2007; R: Ken Loach; D: Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek; 27.11.)