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About a Moon

iO Tillett Wright und »Darling Days«

iO Tillett Wright ist Schauspieler, Künstler, TV-Moderator und Autor. iOs Autobiografie »Darling Days« handelt vom Aufwachsen in Manhattan und von einem Jungen, den die Eltern und der Rest der Welt für ein Mädchen halten.
Geschrieben am
iO Tillett Wright hat schon einen außergewöhnlich klingenden Vornamen. Den aber haben sich wirklich die Eltern ausgedacht, es ist also keine Eigenkreation einer exzentrischen Type, die unbedingt den gleichen Namen wie der Jupitermond tragen wollte. Nur ein Detail hat iO Tillett Wright selbst bestimmt: »Ich habe irgendwann angefangen, das i kleinzuschreiben«, erklärt iO bei der Vorstellung der im vergangenen Herbst auf Deutsch erschienenen Autobiografie »Darling Days« im Januar in Köln, »weil viele Leute glaubten, ich heiße ›Ten‹«.

io Tillett Wright wurde 1985 in New York geboren. »Darling Days« erzählt die Geschichte einer Kindheit und Pubertät in der Lower East Side Manhattans – mit Abstechern nach Karlsruhe, Budapest und Südengland. Auf dem Umschlag des Buches ist ein Zitat aus der New York Times abgedruckt. Das verspricht, es sei »unmöglich, sich von dieser Suche nach sexueller Identität nicht mitreißen zu lassen«. Mitreißend ist die Erzählung wirklich, allerdings handelt sie von mehr als der Suche nach sexueller Identität, auch wenn da eine Sache schon ganz schön wichtig ist.

Wann hat iO Tillett Wright entschieden, ein Junge zu sein? Okay, das ist falsch formuliert. »Ich habe mich nicht mit sechs Jahren entschieden, ein Junge zu sein«, stellt iO im Rahmen der Lesung auf der Bühne des Kölner King Georgs klar. Während die Eltern und der Rest der Welt iO als Mädchen betrachteten, »war ich immer ein Junge, habe es aber erst mit sechs laut ausgesprochen«. Das ist ein wichtiger Unterschied. Im ersten Radio-Interview in Deutschland kam dann gleich die Frage nach chirurgischen Eingriffen auf, obwohl die im Buch gar keine Rolle spielen. Es ist auch nie vom Leben im falschen Körper die Rede. iO hat öffentlich bereits deutlich gemacht, dass der Begriff Transgender auf die eigene Vita nicht unbedingt anwendbar ist – das ist Teil des Vortrags »Fifty Shades Of Gay« (siehe unten). Und iOs Kunstaktion »Self Evident Truths Project« besteht wiederum aus fotografischen Porträts von Leuten, die ihre Sexualität als von der Norm abweichend betrachten. Eine offene Definition, die dazu führt, dass iO schon lange nicht mehr in das extra dafür eingerichtete E-Mail-Postfach geschaut hat, denn es ist verstopft mit Nachrichten von Bewerberinnen und Bewerbern, die sich im Rahmen des Projekts ablichten lassen möchten.

Das Kind iO, das man in den ersten Kapiteln des Buches kennenlernt, sehnt sich aber schon ein wenig nach Normalität. Die »Darling Days« sind rar, jene Tage, in denen zu Hause alles gut ist. Die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Achtzigern und Neunzigern, die Obdachlose, Gentrifizierung und Vorurteile gegen Migranten hervorbringen und die sich allein schon wegen des mangelhaften US-Gesundheitssystems jederzeit zuspitzen können, bilden den erzählerischen Hintergrund für die Schilderung des zentralen Mutter-Kind-Konflikts. Anders gesagt: »Darling Days« ist auch ein Porträt von iOs Mutter. Die leidet unter aggressiven Schüben mit pathologischen Zügen. Das lässt sich zum Beispiel beobachten, als die beiden gezwungen werden, die von ihr geliebte Wohnung zu verlassen. Erst viel später findet iO Tillett Wright heraus, dass die Mutter medikamentensüchtig ist – und auch die Heroinabhängigkeit des in Deutschland lebenden Vaters kommt nach vielen Jahren ans Licht. Wenn iOs Mutter heute Probleme mit der Lektüre von »Darling Days« hat, wie iO Tillett Wright im Anschluss an die Lesung erklärt, mag das am wunden Punkt der Geschichte liegen: Während iO mit sechs Jahren den Mut hatte, eine schwierige Wahrheit offen auszusprechen – »Ich bin ein Junge« –, hüteten die Eltern ihre Geheimnisse sorgsam vor dem Kind. Eine Situation, die einigen von euch aus euren Familien bekannt vorkommen könnte.

Wobei iOs Leben natürlich außergewöhnlich abenteuerlich erscheint: Die berühmte Fotografin Nan Goldin ist iOs Patentante – neben Schnappschüssen aus iOs Alltag ist im Buch auch ein Foto von Goldin abgebildet –, iO geht eine Zeit lang auf dieselbe Schule wie Macaulay Culkin und spielt außerdem als Nebendarsteller in »Sex And The City«. Für die Handlung von »Darling Days« sind das nur Randnotizen. Aber die Story ist immer unterhaltsam, selbst an den Stellen, an denen es wehtut. Etwa, wenn iO von den Schwierigkeiten erzählt, auf der Schultoilette zu pinkeln. Es gibt halt falsche Toiletten im echten Leben, und man spürt, wie unwohl iO sich in dieser Situation fühlt. Die Kunst der Vermittlung von Gefühlen bekommt in »Darling Days« sowieso ein Extra-Kapitel mit der Überschrift »Orangensaft«. Darin heißt es: »Gefühle sind wie Orangensaft. Ein schmerzliches Erlebnis fühlt sich so an, als würdest du ein großes randvolles Glas Orangensaft trinken ... Wenn du versuchst, anderen deine Gefühle zu beschreiben, ist das für sie ein Glas Orangensaft, allerdings ganz schön lasch ... Meine Lösung ist, ihnen einfach zwei Gläser Orangensaft zu geben.«

Manche Kapitel lesen sich so intensiv wie drei Gläser Orangensaft, einige hinterlassen einen bitteren Beigeschmack, andere machen Lust auf mehr. Und dabei handeln sie nicht nur von der Ich-erzählenden Hauptfigur, die den gleichen Namen trägt wie der Jupitermond, sondern kreisen beständig um jene Gesellschaft, die eine eigene Identität erst erforderlich macht.

iO Tillett Wright

Darling Days: Mein Leben zwischen den Geschlechtern (suhrkamp taschenbuch)

Release: 11.09.2017