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F 2004

Intime Fremde. Love Is In The Air

R: Patrice Leconte; D: Sandrine Bonnaire, Fabrice Luchini Aller Anfang ist schwer? Quatsch! Es ist ganz einfach: Eine schöne Frau (Sandrine Bonnaire) spaziert eine Straße hinunter, betritt ein Haus, fährt mit dem Fahrstuhl in ein bestimmtes Stockwerk, geht einen Gang entlang. An einer Tür begegne
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R: Patrice Leconte; D: Sandrine Bonnaire, Fabrice Luchini

Aller Anfang ist schwer? Quatsch! Es ist ganz einfach: Eine schöne Frau (Sandrine Bonnaire) spaziert eine Straße hinunter, betritt ein Haus, fährt mit dem Fahrstuhl in ein bestimmtes Stockwerk, geht einen Gang entlang. An einer Tür begegnet sie einem Mann (Fabrice Luchini), der gerade einen Kunden verabschiedet. Sie sagt, sie habe einen Termin vereinbart, was William Faber, dessen Sekretärin bereits nach Hause gegangen ist, nicht überprüfen kann. Die Frau ist nervös, raucht, beginnt zu erzählen, Intimes aus ihrem Ehealltag. Der Mann, ein schüchterner Steuerberater, ist überrascht, mag der Frau seine wahre Identität nicht offenbaren, vielleicht aus Höflichkeit. Es kommt zu weiteren Treffen, selbst noch, als Anna – so der Name der Frau – weiß, dass der Psychotherapeut Dr. Monnier seine Praxis auf der anderen Seite des Ganges hat. Je vertrauter die beiden einander werden, desto größer wird aber auch Fabers Angst, einer perfiden Inszenierung zum Opfer zu fallen. Andererseits verändert ihn die Begegnung: In einer fulminanten Tanzszene tanzt Luchini umwerfend zu Wilson Picketts ›In The Midnight Hour‹. Doch eines Tages steht plötzlich Annas Ehemann in Fabers Büro und erzählt seine Version. ›Intime Fremde‹ gelingt das Kunststück, Erotik als Flair zu inszenieren. Es ist ein Sexfilm ohne Sex.

›Confidences Trop Intimes‹ – zu intime Bekenntnisse – heißt der neue Film von Patrice Leconte, was der deutsche Verleih nicht ganz glücklich übersetzt hat, weil dadurch das kommunikative Moment des Films unterschlagen wird. ›Intime Fremde‹ lebt von seinen geschliffenen, auch frivolen Dialogen und von erstklassigen Darstellern. Er ist französisches High-Concept-Arthaus-Kino, für das es hierzulande kein Äquivalent gibt. Angesprochen auf seine Haltung zur Nouvelle Vague gibt sich Leconte längst moderat: »Vor der Nouvelle Vague empfand ich das Kino als unendlich entfernten Traum. Erst die intensive Begegnung mit Godard und Truffaut eröffnete mir einen Zugang zu dieser Welt. Doch meine eigenen Filme schienen davon zunächst kaum beeinflusst, es waren gradlinige Genre-Filme ohne viel Auteur-Blabla. Erst mit dem überraschenden Erfolg von ›Monsieur Hire‹ änderte sich das. Heute stehen meine Filme durchaus in der Nähe zu Truffaut, wobei ich das keineswegs als Vergleich verstanden wissen will.« Dass Leconte aber noch immer einen bestimmten verbindlichen Abstraktionsgrad der Analyse scheut, wird schnell deutlich, wenn das Gespräch auf den neuen Film ›Intime Fremde‹ kommt. Auf die Frage, was ihn an dem Stoff gereizt habe, kommt die Antwort sehr routiniert: »Die Ausgangssituation des Drehbuchs schien mir von genialer Einfachheit, die dem Film alle Möglichkeiten eröffnete. Eine Frau verwechselt zwei Türen miteinander, trifft einen Mann und beginnt zu sprechen. Hier sind sämtliche Genres zu vermuten. Es kann sich ein Melodram entwickeln, eine Komödie, aber auch ein Thriller.«

Gerade der Thriller-Aspekt interessiert mich, schließlich ist es ja lange Zeit nicht klar, inwieweit Anna ihre Eheprobleme vielleicht herbeifantasiert, um William aufs Glatteis zu führen. Weil die Psychoanalyse in bestimmten sozialen Kreisen eine weit verbreitete Kulturtechnik ist – in Krisensituationen das Gespräch mit einem fremden Menschen zu suchen –, könnte man den Film auch als etwas galligen Kommentar interpretieren, oder? Nein, auf dieses Glatteis will Leconte nicht folgen: »Ich verstehe absolut nichts von der Psychoanalyse. Ich habe nicht mal in diese Richtung recherchiert. Der Film ist auf gar keine Weise kritisch gemeint. Drehbuchautor, Regisseur und Sandrine Bonnaire haben keinerlei Ahnung von Psychoanalyse. Lediglich Fabrice Luchini kannte sich mit Analyse etwas aus.« Wartet man etwas, folgt dann noch irgendwann halblaut hinterher: »Es ist eine alltägliche Praxis, die mir Angst macht. Man öffnet sich jemandem, den man nicht kennt und den man dafür sogar noch bezahlt.«

Diese rhetorische Strategie wird sich im Gespräch mehrfach wiederholen, da hat sich jemand offenbar schon mal den Mund verbrannt, kann’s aber trotzdem nicht lassen. Aber erst mal gibt es Schulterklopfer: Den aberwitzigen Anfang seines Films als »komplexe Choreografie des Missverstehens« zu begreifen, findet ebenso Lecontes Beifall wie der Satz, ›Intime Fremde‹ sei »ein Netzwerk aus Blicken, Gesten und Gängen«. Okay! Eine Frau, die psychologische Hilfe sucht, trifft hinter einer Tür einen Mann, der sich gleichfalls nach Befreiung sehnt. Achtung, Metaphysik! Stichwort: »Love changes everything.« Auf keinen Fall will Leconte als Moralist gelten, aber, falls er es dennoch irgendwann einmal wolle, wäre dieser Aspekt wohl eine der Moralen dieses Films. Aber die wirkliche Moral des Films, wenn es denn eine solche gibt, ist: Man muss den Menschen zuhören, besser: man muss das zuhören wieder lernen. Choreografie des Verstehens! Choreografie! Nein, wir sprechen jetzt nicht über die gigantische Performance, die Fabrice Luchini abliefert, wenn er, tief in Liebe gefallen, zu Wilson Picketts ›In The Midnight Hour‹ tanzt. Besser als Travolta.

Biografie
Leconte, Jahrgang 1947, gilt als schwieriger Mensch, der einen bestimmten intellektuellen Diskurs über Filme wenig schätzt. Nach einem Studium an der Pariser Filmschule IDHEC arbeitete er lange Jahre als Zeichner für das Comic-Magazin Pilote. Obwohl er von den Filmen der Nouvelle Vague begeistert war, wurde er in Frankreich zu einer Art Professionel in der Tradition von Duvivier, Becker, Clouzot oder Clément, was einer Provokation gleichkommt. Lecontes Oeuvre ist höchst vielfältig und umfasst Sommerkomödien wie ›Die Strandflitzer‹ (1978), Krimis wie ›Die Spezialisten‹ (1984) oder elegante Kostümfilme wie ›Ridicule – Von Der Lächerlichkeit Des Scheins‹ (1996). Interessanterweise wurde Leconte Ende der Achtzigerjahre mit Filmen wie ›Die Verlobung Des Monsieur Hire‹ (1989), ›Der Mann Der Friseuse‹ (1990) und ›Das Parfum Von Yvonne‹ (1994) quasi wider Willen zu einem Liebling des Arthaus-Publikums. Doch der Erfolg war rasch vorbei: Seit ›Die Frau Auf Der Brücke‹ (1999) kam kein Film von Leconte mehr in den deutschen Verleih, während er in den USA erfolgreicher ist als Almodovar.