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Kein Zirkus in der Provinz

Internationales Filmfest Oldenburg

Das jährlich stattfindende Internationale Filmfest Oldenburg gilt inzwischen als "German Sundance". Tobias Ruderer war für Intro vor Ort.
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Das jährlich stattfindende Internationale Filmfest Oldenburg gilt inzwischen als "German Sundance". Tobias Ruderer war für Intro vor Ort.

10.-14.09.08, Oldenburg, diverse Locations.


Das jährlich stattfindende Internationale Filmfest Oldenburg gilt inzwischen als "German Sundance". Für den Besucher, der in der gemütlichen, aber auch latent ordinären Stadt ankommt, ist das zunächst schwer vorstellbar, aber nur so lange, bis er ins Geschehen dieser reichhaltigen, geschmackvollen und entspannten Veranstaltung eingetaucht ist.

Etwa mit "The Outsider", Nicholas Jareckis huldvoller Dokumentation über den New Yorker Regisseur und Drehbuchautor James Toback. Toback ist Ehrengast in Oldenburg, seine Dokumentation über Mike Tyson feiert hier Deutschlandpremiere. Außerdem wird unter der Überschrift "Obsessive Cinema" eine Retrospektive mit sechs seiner abgrundtiefen und exaltierten Filme gezeigt, unter anderem "Fingers", "When Will I Be Loved", "Black And White" oder "Two Girls And A Guy". Toback passt gut hierher: Der ganz große Ruhm in Hollywood ist nicht sein Ziel, und dabei hat er dermaßen viel auf dem Kasten, dass alle, die seine Arbeit kennen, ihn verehren. Deswegen kriegt er auch die tollsten Schauspieler.

So ähnlich verhält es sich auch mit dem Filmfest Oldenburg. Der Veranstalter Torsten Neumann ist sich einerseits durchaus darüber im Klaren, dass Veranstaltungen mit einer ähnlichen Qualität eher europaweit als nur national zu suchen sind, was in besonderem Maße für den Schwerpunktbereich, den vorwiegend amerikanischen Independentfilm, gilt. Die geographische Provinz wird deshalb aber nicht geflissentlich ignoriert, sondern bildet die Basis. Es wird kein VIP-Zirkus veranstaltet, die etwa 100 Gäste "mischen sich unter das Publikum, schauen gegenseitig ihre Filme und kommen so ein bisschen runter." Und nach den Filmen wird mit dem Publikum geplaudert; man kann es nicht anders sagen, die Atmosphäre ist freundlich und entspannt. Junge amerikanische Schauspieler in der Lounge des Festival-Centers wirken wie aufgekratzte Austauschstudenten und wollen jeden kennen lernen. Kameratypen und Brennweiten werden diskutiert, es ist ohne weiteres niemand zu erkennen, der es für nötig hält, eine Rolle zu spielen.

Rund 50 Filme wurden gezeigt, die meisten davon internationale oder nationale Premieren; bei der Leserschaft auf Interesse stoßen dürften wahrscheinlich demnächst das New Yorker Roadmovie "The Pleasure Of Being Robbed" von Joshua Safdie, der abgründige "Who Is KK Downey" oder Ben Rodkins Charakterstudie "Big Heart City" mit Shawn Andrews und Seymour Cassel. Letzterer feierte in Oldenburg auch die Weltpremiere des Kammerspiels "Reach For Me" vom Regisseur und Jury-Vorsitzenden LeVar Burton, den meisten vielleicht noch bekannt in seiner Rolle als erster Ingenieur in "Star Trek".

Torsten Neumann, der das Filmfest vor 15 Jahren mitgründete, stellt fest, dass - Krise des amerikanischen Independentfilms hin oder her - seit wenigen Jahren eine größere Anzahl von wirklich sehenswerten und frischen Produktionen zur Auswahl steht. Eine immer noch aktuelle künstlerische Strategie ist die Vermischung von dokumentarischer Präsentation und fiktiver Erzählung, in diesem Jahr etwa zu beobachten im verstörenden Provinzporträt "Morscholz" von Timo Müller oder "Love Live Long" von Mike Figgis, einem Film wie einer Noise-Improvisation.




Das Oldenburger Filmfest ist ein "non-competitive"-Festival. Allerdings werden drei nationale Preise vergeben: Das Familiendrama "Das Fremde in mir" von Emily Atef gewann sowohl den Publikumspreis, den German Independence Award als auch den Otto-Sprenger-Preis für Nachwuchsregisseure.

Mit der erfolgreichen Einladung von Michael Wadleigh ist den Oldenburgern ein Coup gelungen. Dem Mann, der im Alter von 27 Jahren in Woodstock die berühmteste Musikdokumentation aller Zeiten gedreht und damit die Ikonisierung der Hippies praktisch im Alleingang bewerkstelligt hat, wird ein Tribute gewidmet. Wadleigh galt jahrelang als untergetaucht, zwischenzeitlich als tot. Nun schaut er sich - nach über 10 Jahren, wie er sagt - mit seiner jungen Familie mal wieder den Film an, schwärmt von den Musikern und stellt Menschenrechts- und Umweltprojekte vor. Auch der schauspielerischen Arbeit von Marius Müller-Westernhagen, auf eine sehenswerte Weise spröder als die musikalische, wird eine Ehrung zuteil.

Inzwischen im dritten Jahr wurde eine vollständige Programmreihe im Gebäude der Jugendvollzugsanstalt Oldenburg gezeigt. Torsten Neumann räumt ein, dass es für manche Besucher von Außen einen exotischen Reiz hat, während der Projektion nicht zu wissen, ob sie gerade neben einem Aufseher, einem anderen Besucher oder einem Doppelmörder (alle in Zivil) sitzen. Trotzdem sei diese Annäherung nachhaltig wertvoll, "den erstens waren wir alle schon einmal kurz davor im Gefängnis zu landen und zweitens - mit den Worten unseres wagemutigen Knastdirektors - sind sie morgen wieder unsere Nachbarn."

Alle Infos zum diesjährigen Filmfest unter www.filmfest-oldenburg.de