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In Schönheit sterben

Melancholia

In Cannes nannte Lars von Trier sich selbst einen Nazi und erklärte, mit Kirsten Dunst einen Porno drehen zu wollen. Skandal! Dabei hätte sein Film alle Aufmerksamkeit verdient gehabt.
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Eigentlich sollte das Werk des manisch-depressiven Regisseurs mit »Melancholia« enden. Es gibt Filme, nach denen man nicht mehr ganz dieselbe ist. Lars von Triers »Melancholia« gehört dazu. Nach diesem Kinotrip werdet ihr beim Verlassen des Saals leichenblassen Menschen begegnen, die kurz ihre Sprache verloren haben. Sie haben das definitive Ende der Welt auf der Leinwand miterlebt - in einer der intimsten und zugleich überwältigendsten Filmszenen, die es gibt. »Ich weiß Dinge!« sagt von Triers Alter Ego Justine, gespielt von einer atemberaubenden Kirsten Dunst, und der hoffnungslose Zustand der Welt spiegelt sich in diesem Moment in ihrem schönen Gesicht.

In der an »Antichrist« erinnernden Eröffnungsszene erleben wir Justine als Braut. Wir sehen, wie sie sich in Super-Zeitlupe zu den Klängen von Wagners »Tristan und Isolde« mit ihrem weißen Hochzeitskleid in der Nacht im dunklen Wurzelgeflecht verfängt, wie sie ungerührt in einem Schauer aus toten Vögeln steht und wie elektrische Flammen ihren Fingerspitzen entweichen. Diese verblüffenden Bildkompositionen, die auf die drohende Katastrophe - die Kollision des Planeten Melancholia mit der Erde - hindeuten, verdanken wir Kameramann Manuel Alberto Claro. Ähnlich wie von Triers Pressekonferenz in Cannes, während der er sich selbst als »Nazi« bezeichnete, läuft auch die Hochzeit im Film aus dem Ruder. In eher unruhigen Handkamera-Bildern im Dogma-Stil erleben wir mit, wie die verbitterte Brautmutter (Charlotte Rampling) und ihr von John Hurt gespielter exzentrischer Exmann letztlich Justines private Apokalypse auslösen.

Nach dem psychischen Zusammenbruch ihrer Tochter folgt der zweite Teil des Films. Dieses Kapitel ist nach Claire (Charlotte Gainsbourg) benannt. Im Gegensatz zu ihrer Schwester hängt sie an ihrem irdischen Leben. Schon allein, weil sie ein Kind hat. Ihre panische Angst vor dem Tod nimmt uns ebenso wie Justines Sehnsucht nach Selbstzerstörung gefangen. Angesichts des drohenden Weltuntergangs erwacht Justine zu neuer Stärke - und der seelenruhige Katastrophenfilm steuert auf sein Finale zu. Eigentlich sollte das Werk des manisch-depressiven Regisseurs mit »Melancholia« enden. So ein Abgang wäre seinem außerordentlichen Talent würdig.

»Melancholia« (DK 2011; R: Lars von Trier; D: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland; Kinostart: 06.10.)