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Koscheres Gelächter

Ich darf das, ich bin Jude

Oliver Polak hat als Jude ein Buch über Juden geschrieben, mit dem er das deutsche Publikum zum Lachen bringen möchte.
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Oliver Polak hat als Jude ein Buch über Juden geschrieben, mit dem er das deutsche Publikum zum Lachen bringen möchte. Es geht eher um profane Sorgen und Missverständnisse als um Holocaust und Gazastreifen. Und das soll keine Provokation sein? Von Katja Kubikova.

"Judääää!" Es ist drei Uhr morgens in der Silvesternacht. "Du, Judää-ä!" brüllt ein junger, kompakt gebauter Mann immer wieder und voller Hass jemandem hinterher, bis seine Begleiter ihn wegzerren. Mit dem neuen Jahr scheint auch eine Zeit einzubrechen, in der sich alte Ressentiments und Rassismen neu legitimieren. Es ist nicht nur der heiße Gazastreifen, der Judenhass auftaut, sondern auch die Tatsache, dass man kaum etwas weiß über Juden. Womit assoziieren wir z. B. Italiener? Pasta, Mamas oder der frenetischen Suche nach Geschlechtsverkehr. Und woran denkt man bei den Juden? Holocaust und Palästina. Und wenn man über das eine spricht, denkt man automatisch an das andere. So gesehen kommt das Buch von Oliver Polak gerade recht. Bereits auf der ersten Seite macht er klar: "Jude ist eine sehr generelle Bezeichnung für einen Glauben, ein Volk oder eine Kultur. Was es nicht bedeutet, ist eine Nationalität. Bitte verwechseln Sie 'Jude sein' nicht mit 'Israeli sein'. Schließlich wohnt ja auch nicht jeder Katholik automatisch in Bayern." Etwas flapsig wird so das Selbstverständnis von Millionen von Juden in der Diaspora beschrieben, das sich weniger in Auschwitz und Gaza, vielmehr in alltäglichen Widrigkeiten verortet:

überfürsorgliche Mütter, neurotische Väter, wehleidige, in den USA lebende Tanten, fehlende Vorhaut oder alljährlicher Weihnachtsverzicht. Auch Oliver Polak vertextet in loser Abfolge diese und andere Highlights seiner Kindheit und Jugend in einer norddeutschen Provinz. Missverständnisse, profane Vorurteile, Pali-Tücher und Neonazis gehören dazu, aber auch ganz normale Sachen wie seine Liebe zum Zirkus, pubertierende emsländische Schönheiten oder Motorpsycho. Selbst wenn der provokative Titel samt Cover-Abbildung (verkaterter Polak neben SS-Mütze, Judenstern und Schäferhund) die Verkaufszahlen in die Höhe treiben mag, Polak möchte einfach lustig sein - bis an die Grenzen des Akzeptablen. "Treffen wir doch für die Dauer der Lektüre folgende Vereinbarung: Ich vergesse die Sache mit dem Holocaust, und Sie verzeihen uns Michel Friedman." Darüber dürfte nicht nur der Zentralrat die Stirn runzeln. Aber Polak versteht sich nicht als Tabubrecher. Auf dem Pfad des persönlichen Lebens findet er ungeachtet seiner naiven Respektlosigkeit immer einen sympathischen Ton. Zwar ist er kein deutscher Larry David und auch keine Sarah Silverman, aber ich habe bei der Lektüre oft und herzlich gelacht. Und ich darf das, ich bin Jüdin!

Oliver Polak "Ich darf das, ich bin Jude" (Kiepenheuer & Witsch, 192 S., EUR 8,95)