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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Marke Eigenbau

Holm Friebe & Thomas Ramge

Ein Buch "Marke Eigenbau"? Holm Friebe und Thomas Ramge basteln für uns ein Weltbild, in dem der Laptop die Klasse der Kreativen aus der 9-to-5-Erwerbstätigkeit führt.
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Ein Buch "Marke Eigenbau"? Holm Friebe und Thomas Ramge basteln für uns ein Weltbild, in dem der Laptop die Klasse der Kreativen aus der 9-to-5-Erwerbstätigkeit führt.

Passt dir die Welt nicht, in der du lebst, dann bastel dir doch eine andere! So könnte man resümieren, was der Titel "Marke Eigenbau" als Notausgang des Konsumenten aus dessen selbstverschuldeter Unmündigkeit im Zeitalter der Massenproduktion markiert. In einem weiten Bogen von der Renaissance kunsthandwerklicher Fähigkeiten unter Postfeministinnen in den USA über Casemodder, die ihre Rechner lieber in selbst lackierten Holzpaneelen verpacken statt in Apples Designerkisten, bis hin zu Websites, die sich auf IKEA-Hacks spezialisieren (ikeahacker.blogspot.com).

So präsentieren die Autoren Holm Friebe und Thomas Ramge Modelle des erfolgreichen Ausstiegs aus der fordistischen Massenproduktion. Folgt diese doch trotz aller Modifikationen immer noch dem legendären Bonmot ihres Namensgebers, wonach jeder Kunde ein Auto in der Farbe seiner Wahl bekommen könne - solange diese Farbe eben Schwarz sei. Wider schlechtes Konsumentengewissen und die deprimierenden Nebenwirkungen abhängiger Erwerbstätigkeit nach dem 9-to-5-Modell empfehlen Friebe/Ramge, das Prinzip "Marke Eigenbau" nicht länger als Notbehelf zu verstehen, als Selbstbastlertum aus Mangelwirtschaft und Notwendigkeit. Sondern als positiven Ansatz. Das gesamte soziale Leben kann nach Eigenbau-Prinzipien umgekrempelt werden, von den Arbeitsverhältnissen über die Marktbeziehungen und Organisationsformen, um schließlich, aus einem strikt lokalen Ansatz heraus, die gesamte "Welt Marke Eigenbau" denkmöglich zu machen.

Schön und gut, nur dass man nach rund dreihundert Seiten Lektüre verwundert und leicht deprimiert feststellt, dass die Welt - mit Ausnahme von einem selbst - offensichtlich aus lauter Kreativen mit zündenden Geschäftsideen besteht, hemdsärmeligen Anpackern und "Minipreneuren", die sich mit Laptop und Findigkeit aus den Vorgaben des Konzernkapitalismus verabschiedet haben. Wie schon in "Wir nennen es Arbeit" plädiert Friebe dafür, sich dank Internet von den großen Strukturen abzusetzen, um sich im kleinen Maßstab, aber nicht in der Vereinzelung, seinen eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen zu widmen. Leider ist die Grenze zwischen genuin politischem Handeln und privatistischem Eigenbrötlertum nicht immer scharf gezogen.

Holm Friebe & Thomas Ramge "Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion" (Campus Verlag, 288 S., EUR 19,90)