×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Ursprünge des HipHop

»HipHop Family Tree«

Ed Piskors Würdigung der frühen Jahren des HipHop muss keinen Battle fürchten: In Piskors Comic-Strips werden Grandmaster Flash, Kurtis Blow, Sugarhill Gang, The Sequence und viele andere lebendig.
Geschrieben am
Ed Piskor wurde 1982 geboren. »Die frühen Jahre des HipHop«, die er beschreibt, waren streng genommen schon vorüber. Aber mit illustrierten Kulturgeschichten kennt Piskor sich aus, zu Beat Generation und Hacker-Pionieren hat er bereits Comic-Bücher verfasst. »Hip Hop Family Tree«, das jetzt auf Deutsch in der Walde + Graf bei Metrolit-Reihe erscheint, war ihm jedoch eine Herzensangelegenheit, ja sogar Teil eines Masterplans. Seine Wurzeln als Popkultur-Fan und die Verortung als Comic-Künstler bringt er mit einem schönem Zitat im angehängten Kapitel »Die HipHop-Comic-Connection« auf den Punkt: »Sagt was ihr wollt übers Time Magazine, aber für sie steht ‚ ‚Watchmen‘ in einer Reihe mit ‚Ulysses‘ und ‚Paid In Full‘ in einer Reihe mit ‚Abbey Road‘.« Das gilt logischerweise auch für Piskor selbst.

»HipHop Family Tree« versammelt Piskors HipHop-Strips in einer Special Collector`s Issue, die außerdem Pin-Ups von Ikonen wie den Beastie Boys und Run DMC sowie eine Discographie mit frühen Rap-Releases enthält. Ein umfangreicher Band, aber keine Graphic Novel, eher ein überzeichnetes, und vor allem ganz hervorragend gezeichnetes Lehrbuch zum Thema Old School. Für sämtliche Schulklassen und Jahrgänge.
 

Denn auch wer schon weiß, dass DJ Kool Herc Ende der 1970er Jahre als erster in der South Bronx mit zwei Turntables die gleiche Platte spielte, um so »die Breakbeats ins Endlose« auszudehnen, sollte noch ins Staunen geraten, wenn der junge Grandwizard Theodore ein paar Panels weiter das Scratchen entdeckt. Weil die Anekdote lässig eingestreut wird in den sich anbahnenden Tumult. So cool, wie viele Seiten später auch die Prägung eines gewissen André Young aus Compton, L.A. zwischen den vielen Figuren und Ereignissen eingeflochten wird: Der Kleine starrt den Plattenteller an, wo sich »Funk You Up« von The Sequence dreht. Eine Sprechblase über seinem Kopf droht: »Dre!! Mach das leiser! « Debbie Harrys längerer Auftritt, unter anderem an der Seite von The Clash, unterstreicht, dass HipHop, Disco und Punk mehr gemeinsam hatten, als viele Fans und Verfechter von Reinheitsgeboten bis heute wahrhaben möchten. Ein Typ namens Frederick Jay Rubin (»Nenn mich bloß nicht Frederick«) entdeckt beim Autofahren auf einem Tape ein Stück der Cold Crush Brothers und denkt: »Schwarzer Punkrock«. 

Ob das denn auch alles so stimmt? Um Sugar Hill Records-Gründerin Sylvia Robinson und die rappenden Winley-Schwestern, um DJ Kool Hercs Pioniergeist und den Erfolg von Kurtis Blows »Christmas Rappin`«, um den Weg von Fab Five Freddy und Jean-Michel Basquiat in die Galerien, um den langen Sprung auf die Kinoleinwand mit »Wild Style« und die Probleme der ersten Labels mit Copyrights ranken sich viele Mythen, das steht fest. Piskor setzt erzählerische und zeichnerische Akzente dagegen. Man muss sich die körperliche Präsenz seines Afrika Bambaataa einfach mal anschauen. Übertreibungen und Auslassungen gehören nun mal zum Prinzip jeder Geschichtsschreibung. Etwas anderes als einen respektvollen Umgang mit dieser Tatsache zu fordern, wäre ja auch  genau so vermessen, wie Beschwerden der Künstler und Zeitzeugen klingen dürften, die sich in einem solchen Werk falsch repräsentiert sehen. 

Mit »HipHop Family Tree« beweist Ed Piskor also Mut. Das entspricht der Battle-Mentalität, die für den Autor untrennbar mit der Historie von MCing, DJing, Breakdance und Graffiti verknüpft ist, auch wenn es ihm offensichtlich darum geht, Ehre zu erweisen. Den Helden, die den Verhältnissen trotzten, und die Bewegung in die Bewegung brachten – natürlich aus je anderen Motiven, mit je eigenen Skills und mit ganz unterschiedlichem Erfolg. Freuen können sich die Leser über die exzellente deutsche Übersetzung von Stefan Pannor, redaktionell begleitet von Falk Schacht. Das ist keine Selbstverständlichkeit und wird bei »Ulysses« schließlich auch immer lobend erwähnt. 
»HipHop Family Tree – Die frühen Jahre des HipHop« erscheint bei Walde + Graf bei Metrolit.