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D 2003

Herr Wichmann von der CDU

Etwas Glück gehört natürlich dazu, wenn man als Dokumentarist arbeitet, vielleicht reicht auch nur ein guter Riecher. Im Falle von Andreas Dresens neuem Film ist der Glücksfall der Hauptdarsteller selbst: Hendryk Wichmann, 25 Jahre alt, CDU-Bundestagskandidat für die Region Uckermark/Oberbarnim, irg
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Etwas Glück gehört natürlich dazu, wenn man als Dokumentarist arbeitet, vielleicht reicht auch nur ein guter Riecher. Im Falle von Andreas Dresens neuem Film ist der Glücksfall der Hauptdarsteller selbst: Hendryk Wichmann, 25 Jahre alt, CDU-Bundestagskandidat für die Region Uckermark/Oberbarnim, irgendwo im Nirvana von Mecklenburg-Vorpommern. Hendryk Wichmann hat ein großes Problem: Das heißt Markus Meckel, der in diesem Wahlkreis gewöhnlich mehr als 50% der Stimmen gewinnt. Doch jetzt will Wichmann "frischen Wind" in die strukturschwache Region bringen, er rechnet mit "30 + x Prozent", und Dresen hat ihn mit einem dreiköpfigen Team bei seiner politischen Kärrnerarbeit beobachtet. In langen, ruhigen Einstellungen erleben wir den mit einem Ansteckmikrofon ausgestatteten Wichmann auf Wählersuche, beim Dreh für einen Wahlspot fürs Regionalfernsehen, bei der Vorbereitung eines Auftritts der Bundesprominenz und auch bei einem Besuch in einem Altenheim. Wichmann, der übrigens durchweg als Herr der Töne und der Bilder erscheint, gibt den jung-dynamischen Konservativen, der gegen die Routine des übermächtigen Markus Meckel aufbegehrt und dabei insbesondere (und mit immer denselben Witzen!) gegen die Umweltpolitik der Grünen und die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung wettert. Wirken die zwei, drei politischen Positionen, die Wichmann immer wieder auffährt, zunächst noch wie ein Zugeständnis an die Wähler, die gerne griffige Formeln bekommen, so wird beim Sehen allmählich klar, dass da nicht viel mehr kommt. Interessant wird es, wenn Wichmann auf ein Gegenüber trifft, das seiner Meinung zu sein scheint. Dann verlieren sich politische Argumente völlig in jovialer Anbiederung, und eine gewisse Fremdenfeindlichkeit versteht sich beinahe von selbst. So weit, so schlecht! Doch der Film macht sich über den wackeren Polit-Nachwuchs nicht explizit lustig, sondern versammelt auch allerlei trostlose Episoden, die u. a. zeigen, wie der Wahlkämpfer immer wieder allein seinen Stand gegen die Windböen des wilden Ostens aufbaut, um dann von einer Frauen-Fitness-Gruppe verjagt zu werden. Oder zeigt die Kandidaten der anderen Parteien, die so offensiv stupide sind, dass man Wichmann dagegen fast als Intellektuellen bezeichnen könnte. Grundsätzlich sind die potenziellen Wähler weit mehr an den Kugelschreibern des Kandidaten interessiert als an seinen politischen Vorstellungen. Fast hat es den Anschein, als steckten die Leute die Schreibgeräte ein, damit der Kandidat den Mund hält. Da trifft es sich, dass Wichmann seiner Klientel gern etwas unwirsch und patzig gegenübertritt: "Ich bin der Bundestagskandidat, alles klar?" In solchen Momenten bekommt dieser Don Quijote aus der Uckermark Züge eines Alien, Vertreter einer Spezies, gelandet auf der Erde, um uns alle vier Jahre beim Einkaufen zu nerven. So ist Andreas Dresens Film zugleich zum Brüllen komisch und auch sehr traurig: Mag Wichmann seine potenziellen Wähler auch verachten, die wenigsten von ihnen merken es, weil sie ihn erfolgreich zu ignorieren wissen. "Herr Wichmann von der CDU" ist für die Krise der Demokratie, die Entkoppelung der politischen Klasse, was "Beruf Neonazi" für die Attraktivität des Neonazismus war - ein Glücksfall des aufmerksamen Dokumentarismus.

(R: Andreas Dresen, D: Hendryk Wichmann; 10.04.)