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Eine souveräne Frau in einer irren Welt

Helene Hegemann über »Axolotl Overkill«

Ihr Romandebüt »Axolotl Roadkill« wurde 2010 zum gesellschaftlichen Ereignis und die Autorin Helene Hegemann zur Zielscheibe des Altherren-Feuilletons. Als Regisseurin der Verfilmung »Axolotl Overkill« holt sie sich die Deutungshoheit über ihre Geschichte zurück. Steffen Greiner sprach mit ihr über Jim Jarmuschs Einfluss und lästige Generationenfragen.
Geschrieben am
Jasna Fritzi Bauer hat das schönste Abhusten der Filmgeschichte. Und dass die Verfilmung von »Axolotl Overkill« gelungen ist, ist ab der Anfangsszene klar, in der sie hustend aufwacht. Als Teenager Mifti rollt sie sich im Bett verkatert zur Seite, sucht nach Zigaretten und sieht ihrer dunkel-glamourösen Liebe Alice beim Aufwachen zu. Alice, gespielt von Arly Jover, zündet sich bald im Gegenlicht des bevorhangten Hotelfensters eine Zigarette an. Tanzend. Es erklingt der jenseitig fließende Gospel »Nobody Knows« in der Version von Pastor T.L. Barrett And The Youth For Christ Choir. 

»This is a mean world to try to live in
But you’ve got to stay ahead until you die
Without a mother
Don’t even have a father
I’m looking for my sister, I can’t even find my brother
And I wish I had somebody say Glory! Glory! Glory! Hallelujah!«
»Der Soundtrack ist nicht schlecht, ne?« lacht Helene Hegemann, die bei der Verfilmung ihres Debütromans »Axolotl Roadkill« selbst Regie geführt hat. Wir sitzen früh morgens – für Bohème-Verhältnisse zu früh – in der Bar eines obskur-luxuriösen Hotels am Ku’Damm. Wäre das hier das Feuilleton des Januars 2010, ich 20 Jahre älter und die »Hegemann-Debatte« noch nicht passiert, müsste ich den distinguierten Gag machen, der Ort des Interviews sei Metapher für alles, was die wohlstandsverwahrlosten Berliner Teen-Junkies von heute von ihren Vorläufern aus den 1980er-Jahren trennt: der Weg vom Bahnhof Zoo der Christiane F., mit deren Geschichte Hegemanns Buch oft verglichen wurde, zum Hotel Zoo, in dem wir sitzen.

Die Generationenfalle. Als die Aufregung ihren Höhepunkt erreicht hatte, verfasste Hegemann zu diesem Thema einen offenen Brief. Das war 2010 und noch immer der bisher vermutlich klügste Beitrag zur Debatte. Hegemann schreibt darin von der Penetranz der Generationenzuschreibung. Sie schreibt über Authentizität und darüber, wie Jugendliche, die nicht dem Klischee des wahnsinnigen oder wenigstens leidenden Künstlers entsprechen, das Kunstmachen abgesprochen wird. Es ist schwer, heute über Helene Hegemann zu sprechen, auch wegen dieses Briefes: Es ist nicht bloß alles gesagt über sie und ihr Debüt, das Gesagte wurde von ihr erneut reflektiert und angeeignet und abgelehnt. Es ist, als würde Hegemann seitdem doppelt existieren: als Mensch mit dem Beruf Künstlerin und als Diskursfigur. Ähnlich wie früher Könige existierten oder später Stars, nur dass diese dem Leben enthoben waren, während Hegemann oder das Abziehbild, zu dem sie gemacht wurde, das Problem hat, allzu nah zu sein. Sie ist da, wo alle, die über sie sprechen, auch sitzen, nur gedanklich immer schon drei Ecken weiter. Und dass sie jetzt auch noch als Erwachsene existiert, die die Teenage-Hegemann verfilmt, macht es nicht einfacher.

Der Roman »Axolotl Roadkill« war 2010 ein literarisches, gesellschaftliches und literaturtheoretisches Ereignis, an dem klar wurde, welch ein Verein geifernder alter Herren das Feuilleton ist. »Ich wollte damals niemand Bestimmtes sein«, sagt Hegemann heute. »Ich habe mich nicht als Künstlerin definiert, obwohl ich mich als Teil einer Nische sah, aus der ich schlagartig rauskatapultiert wurde. Plötzlich brach eine Mainstream-Hysterie aus, die nicht angemessen war. Nicht gegenüber dieser Art experimentellem Buch.« Das allerdings nicht bei einem kleinen Avantgarde-Verlag herauskam, sondern bei Ullstein. Es handelt von einer Frau, die 16 Jahre alt ist, im besten Generationsbuchalter also. Ahnenreihe Holden Caulfield, Hal Incandenza, Katniss Everdeen, Mifti. Wobei Mifti eher dem »Fänger im Roggen« als den anderen ähnelt. Nach dem Tod ihrer Mutter lebt sie mit ihren Geschwistern in einer bizarren WG. Ziellos zieht sie durch die Straßen Berlins – begleitet von einem in einer Plastiktüte mitgeschleppten Axolotl, einem Tierwesen, das buchstäblich nicht erwachsen wird. Mifti kauft ein, verliebt sich, hat Sex, hat keinen Sex. Sie kommt irgendwie klar, nicht besser oder schlechter jedenfalls, als man so klarkommen kann als 16-Jährige mit Problemen in einer Umgebung, die so tut, als wäre 16 der Normalzustand.

Aber die Tatsache, dass man weiß, was es aussagt, ohne es aufzuschlagen, macht ein Buch erst zum Generationsbuch. Dass es für etwas steht, statt bloß gelesen im Regal. So ein Buch ist »Axolotl Roadkill«: ein Rorschachtest, den zu interpretieren mehr über die Interpreten aussagt als über das Werk. Im Feuilleton überhäufte man Hegemann, damals 17 Jahre alt und prädestiniert zum Wunderkind, nicht nur mit Lob. Nein, jede Rezension gefiel sich aufs Neue darin, das Buch schillernd und dunkel zu zeichnen, die Abstürze der Heldin fataler, die Drogen krasser, die Wunden tiefer. So lange, bis man den Eindruck gewinnen konnte, »Axolotl Roadkill« sei eine Nummernrevue aus dem schwarzen Herzen des Berghain. »Ich ist ein Drogentrip«, titelte der Tagesspiegel.
»Die Clubs dienten in der Geschichte als extreme Welt, in der es nicht rein ums Feiern ging, sondern um einen ausgeloteten Seelenzustand, in dem alles möglich ist und den man nirgendwo so gut erzählt kriegt. Es ging nicht darum, dass eine 16-Jährige sich unzusammenhängend wegballert. Das hat sie ja auch gar nicht gemacht«, beschreibt Hegemann die wahre Essenz ihres Romans. »Es ging auch weniger um Pubertät als um jemand Pubertäres, der ›erwachsen‹ Gewordene beobachtet – um das Aufeinandertreffen dieser angeblich gefestigten Persönlichkeiten und eines Teenagers, der dazu gezwungen ist, sich erwachsener zu verhalten als die Erwachsenen. Diese Konfrontation gefiel mir. Darum habe ich nie verstanden, wie man das Buch degradieren konnte zu einem Generationsroman. Es kommen darin fast gar keine Teenager vor. Es kommt einer vor, und der ist eigentlich eine Art Hülle, durch den das Verhalten von Leuten durchfließt, die viel älter sind.«

Währenddessen las ihre Generation »Axolotl Roadkill« oder hörte davon. Und positionierte sich. Ich saß damals in einem Seminar mit dem Titel »Was ist Pop?«. Und vor mir entfesselte sich eine epische Schlacht, wie ich sie bloß von den heute skurril erscheinenden Debatten aus den 1960er-Jahren kannte, ob Pop denn Kunst sei. Mitten in der Hegemann-Wunderkind-Euphorie entdeckte ein Blogger, dass Teile der omnipräsenten Berghain-Sequenzen dem Roman »Strobo« des Berliner Autors Airen entliehen waren. Plötzlich diskutierte man, ob Helene Hegemanns Mash-up-Technik, Sätze leicht verändert aus anderen Werken ins eigene einzuflechten – also die Basis von Pop spätestens seit HipHop und Electro, die ohne Sampling nie entstanden wären –, Diebstahl geistigen Eigentums sei. In einer zweiten Medien-Runde wurde aus dem Wunderkind eine Hochstaplerin – und aus der Wohlstandsverwahrlosten eine moralisch Verwahrloste. Eine 17-Jährige, der das Establishment in der Leipziger Erklärung beibrachte, was Literatur bedeute. Die erwachsene Helene Hegemann hat es offenbar ganz gut weggesteckt. Statt Abziehbild Selbstreflexion, statt Wunderkind gutes Erwachsensein. So der Eindruck, wenn man ihr gegenübersitzt. Manche ihrer Aussagen während des Gesprächs im Hotel Zoo wirken naiv (»Ich habe mich von jeder Art von Definition freigemacht«), manche hingegen wundersam auf den Punkt, und immer hält sie drei Referenzen in der Hinterhand.

Mit der Verfilmung ihres Bestsellers wagt sie die Rückkehr zu eigenen Pubertätsästhetiken und -fantasien und kettet sich selbst an eine Geschichte, die sie scheinbar zur Kunstfigur gemacht hat. Dabei ist es eher der Versuch einer Aneignung und letztlich etwas Neues. Ein assoziativer Szene-Reigen und eine Hochglanz-Variante von Jim Jarmuschs 1980er-Debüt »Permanent Vacation«. »Eigentlich lautet die Grundregel, dass die Hauptfigur diejenige ist, mit der man mitgeht, weil sie so viel an Konflikten und Emotionen aus sich selbst heraus produziert, dass man wissen will, was sie als Nächstes tut. Bei Jim Jarmuschs Film ist es anders. Da ist die Hauptfigur ein relativ ambitionsloser Teenagertyp, der sich anguckt, was um ihn herum passiert, während die anderen den Stress machen. Den Zustand fand ich viel interessanter«, erklärt die Regisseurin. Mit Mifti hat sie eine solche Figur geschaffen, aber leicht feministisch gewendet. Eine souveräne Frau in einer irren Welt – und dennoch tun immer wieder alle so, als hätte sie das Problem. 

Der Film, den Hegemann nicht als Rückblick auf die Welt 2010 gedreht hat, in der vieles noch völlig anders war als heute, repräsentiert nicht die kaputte Jugend, sondern eine verbindende Erfahrung: die Banalität der Exzesse. Ausgehen in Berlin ist nicht nur Mythos, sondern auch Mystik. Ein Ritual entlang von Grenzsituationen – emotionalen, körperlichen und solchen der Wahrnehmung. Das Ausgehen folgt einer Dramaturgie von Stehen, Tanzen, Sich-Finden, Verlieren und Wiederfinden: Menschen im Club werfen Gesichter nach oben oder Arme zur Seite, bauen sich auf oder werden flüssig. Aber meistens ist die Erfahrung so glamourös nicht. Weil die Magie sich nicht einstellt. Lange wurde viel von der Feier des Scheiterns geredet. Next up bitte: das alltägliche Scheitern der Feier.
»Man ist daran gewöhnt, dass Clubszenen im Film nicht zeigen, was Ausgehen wirklich bedeutet. Eine Clubszene im Film muss sich steigern. Die Figur geht in eine Bar, dann in den Club, dann ist sie auf Droge, dann sieht sie plötzlich etwas. Ich empfinde eher das Gegenteil. Du hast eine wahnsinnige Vorfreude und Euphorie, läufst im Club einen Flur entlang, und plötzlich flacht es ab, an dem Punkt, an dem es zur Sache gehen sollte. Und dann wird es noch mal sehr reell, und dann driftest du wiederum ab in etwas Diffuses, was nichts mehr mit deiner Außenwelt zu tun hat und auf Erinnerungen und Gefühlen basiert.« Diesem feinen Gewebe einer Nacht, wie Hegemann es hier sehr persönlich beschreibt, kommt »Axolotl Overkill« so nah wie kaum ein deutscher Film zuvor. Gerade, weil die wenigen Szenen im Club artifiziell übersteuert sind.

In ihrem bereits erwähnten offenen Brief aus dem Jahr 2010 stellte Helene Hegemann die These auf, als minderjährige Künstlerin sei sie dazu verpflichtet, wahnsinnig zu sein oder eben eine Marionette. Die Vorstellung, jemand würde Kunst einfach so machen, könne wohl niemand verstehen. »Axolotl Overkill« ist ein schönes Statement für dieses In-Between: dass man wahnsinnig sein kann und trotzdem okay und funktionierend. Dass alles oft ganz banal ist, egal, was man tut, ob Exzess oder Büro. Dass es vermutlich der Normalzustand ist, nichts zu wissen, und dass man daraus keine große Sache machen muss. Das ist ein bisschen lahmer, als wir uns das mit 16 gewünscht haben. Aber, well, hier sind wir: Glory! Glory! Glory! Hallelujah.

— »Axolotl Overkill« (D/GB/E/F 2017; R: Helene Hegemann; D; Jana Fritzi Bauer, Arly Jover; Kinostart: 29.06.17; Constantin)