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Mark Twain ist ein DJ

Hans Nieswandt / Disko Ramallah

"Wenn jetzt Wahlen in Gaza wären, würde die Hamas die absolute Mehrheit holen." Das erfährt Hans Nieswandt im Mai 2004 von seinem Begleiter Karim, während die beiden gemeinsam durch Ramallah fahren. In kaum einem politischen Kommentar war vor den kürzlich stattgefundenen Wahlen in Palästina diese Pr
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"Wenn jetzt Wahlen in Gaza wären, würde die Hamas die absolute Mehrheit holen." Das erfährt Hans Nieswandt im Mai 2004 von seinem Begleiter Karim, während die beiden gemeinsam durch Ramallah fahren. In kaum einem politischen Kommentar war vor den kürzlich stattgefundenen Wahlen in Palästina diese Prognose gewagt worden, doch Karims Vermutung ist inzwischen Realität geworden. An solchen Stellen von "Disko Ramallah", Hans Nieswandts zweitem Buch über seine Erlebnisse als weltreisender Plattenaufleger, ist zu merken, wie nah er manchmal dran ist an Stimmungen und Ereignissen in den Ländern, in die ihn seine DJ-Engagements in den letzten Jahren führten. Nieswandts Buch gründet dabei auf einer speziellen Qualität des DJ-Reisens: "Du betrittst die Stadt durch die Vordertür und eben nicht durch den Touristeneingang. So lernt man Land und Leute aus derselben Perspektive kennen, aus der die Menschen dort ihr Land selbst erleben, mit allen Vor- und Nachteilen, wie das z. B. in Palästina deutlich spürbar war. Wenn da erwachsene Menschen wie du und ich plötzlich schon um zehn Uhr abends nach Hause gehen müssen, weil Sperrstunde am Checkpoint ist, denkt man sich: Was soll der Quatsch, wie autoritär wird hier mit mündigen Erwachsenen umgegangen?"

Die Form des anekdotischen Erzählens ohne theoretischen Ballast, die Nieswandt bereits in seinem ersten Buch "Plus Minus Acht" vorgegeben hatte, wird auch diesmal beibehalten. Inhaltlich verschiebt er den Fokus vom DJ-Alltag und von der persönlichen Musikgeschichte auf die besonderen und denkwürdigen Situationen, in die ein DJ auf Reisen geraten kann. So liest sich das Buch in weiten Teilen wie Reiseliteratur, was es im Vergleich zum Erstling um einiges schlüssiger macht. Es soll um Ereignisse mit hohem "Merkwürdigkeits-Mehrwert" gehen, wie Nieswandt im Vorwort schreibt, und davon hat er vor allem als kultureller DJ-Botschafter im Auftrag des Goethe-Instituts einige erlebt. Die allgemein gültigen Mechanismen des Reisens liefern immer wieder den Rahmen für die Schilderung der konkreten Gegebenheiten vor Ort, ob nun in Bethlehem und Beirut oder in Palanga. Reisende erfahren in der Ferne viel über sich selbst und über die kollektiven Überschreibungen ihrer Individualität. So wird im Buch beispielsweise Rio de Janeiro zum idealen Ort, um über Techno aus Deutschland zu räsonieren.

Nicht alle Kapitel von "Disko Ramallah" sind so aufschlussreich zu lesen wie jene über die Nahost-Reisen im Auftrag Goethes. Bei einer Hochzeit in einem Amsterdamer Luxushotel z. B. möchte man nicht unbedingt so besonders nah dran sein, selbst wenn sogar die Mutter der Braut so cool drauf ist, dass sie nur zu Disco und HipHop tanzt. Etwas wenig pointiert wirkt es auch, wenn in einem anderen Abschnitt die detaillierte Beschreibung der DJ-Kanzel in Sven Väths Cocoon-Club letztlich bloß für das Fazit herhalten muss, dass Vinylplatten besser als MP3s klingen.

Doch gerade diese unbekümmerte Leichtigkeit - und nicht zuletzt der Spaß, den das Publikum damit bei seinen Lesungen haben soll - liegt dem Autor besonders am Herzen. Die literarische Herausforderung sieht Nieswandt in einer Mehrschichtigkeit seiner Texte, die ihm zufolge nur mit Hilfe einer simplen Sprache und Erzählweise erreicht werden kann: niemanden ausschließen, im Idealfall aber alle unterhalten und informieren. In Anlehnung an Mark Twain und dessen Reiseromane versteht sich Nieswandt als einen "Arglosen im Ausland", der einfach mit offenen Augen durch fremde Länder zieht, akkurat und schwungvoll beschreibt, was er sieht, und damit eine Ebene der Reflexion antriggert, ohne gleich alles auszuformulieren.

"In bestimmter Hinsicht nehme ich eine Perspektive ein, die etwas naiver ist, als ich wirklich bin. Ich bin an diesen Orten zum Plattenauflegen, und während ich das mache, beobachte ich bestimmte Dinge, beschreibe sie und versuche so, den Lesern Schlussfolgerungen mitzugeben. Ich habe festgestellt, dass genau dieser einfache Ton, den man sehr schnell lesen kann, auf eine gewisse Weise die schriftstellerische Herausforderung ist. Ich finde es nahezu ultimativ, so etwas zu schaffen, das gleichzeitig ganz einfach ist und ganz komplex - wie gute Popmusik eigentlich auch."

Keine Reise ohne Mitbringsel: In gewisser Weise nimmt Hans Nieswandt den pädagogischen Anspruch seiner DJ-Workshops in Nahost wieder mit nach Hause und presst ihn Schwarz auf Weiß zwischen zwei Buchdeckel. Aufklärung durch den Discobeat, Party in Textform - und umgekehrt. "Eine Sache wie den Libanonkrieg zu erklären ist für das Verständnis der modernen Welt recht hilfreich. Und ich glaube, davon ausgehen zu können, dass in der Welt der Clubber und der an elektronischer Musik Interessierten der Wissensstand da nicht besonders hoch ist. Auf eine gewisse Weise kann ich den Leuten damit also etwas unterjubeln. Die würden sich vielleicht kein Buch von einem Nahostexperten kaufen, aber ein DJ-Buch kaufen sie sich schon."


Mark Twain
Das erste von Mark Twain veröffentlichte Buch, "The Innocents Abroad" von 1869 (Deutsch 1875 unter dem Titel "Die Arglosen Im Ausland" erschienen), basierte auf einer sechsmonatigen Reise nach Europa und in den Nahen Osten, laut Hans Nieswandt "die erste Pauschalreise der Menschheitsgeschichte". Twains berühmte Hauptwerke sind "Die Abenteuer Tom Sawyers" und "Abenteuer Und Fahrten Des Huckleberry Finn".

Clubkultur
"Ich finde es blöd, dass die Welt der Clubkultur so vielen Vorurteilen ausgesetzt ist, z. B., nur hedonistisch und antiintellektuell, also generell ein bisschen doof zu sein. Das halte ich für ein Vorurteil, weil niemand weiß, was all diese Leute machen, wenn sie gerade nicht in der Disco sind. Deswegen halte ich die Szene mit dem Typen aus Beirut, der Jihad heißt, für die UN Landminen entsorgt und gerne auf Ibiza tanzen geht, für ein tolles Bild."


Hans Nieswandt
Disko Ramallah. Und Andere Merkwürdige Orte Zum Plattenauflegen
KiWi, 224 S., EUR 8,95