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Gitarre, Bass, Gesang

Mitte Ende August

Sebastian Schipper ist und bleibt ein alter Romantiker: Diesmal entlehnt er seine Motive Goethes "Wahlverwandtschaften".
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Sebastian Schipper ist und bleibt ein alter Romantiker: Diesmal entlehnt er seine Motive Goethes "Wahlverwandtschaften". Zur Musik von Vic Chesnutt setzt er eine bröckelnde Sommeridylle im Brandenburger Niemandsland in Szene. Von Gabriele Scholz.

Du kennst die Situation: Du bist im Urlaub, die Sonne knallt, der Strand lockt, und dein Lesestoff ist alle. In deinem Feriendomizil in einem angestaubten Regal liegt noch ein Buch herum. Ein Buch, um das du normalerweise einen großen Bogen machen würdest: Goethes "Wahlverwandtschaften" zum Beispiel. Seufzend stopfst du es trotzdem in deine Strandtasche. Und beginnst zu lesen. Du kommst von dem Buch nicht mehr los, bist von seiner Leichtigkeit überrascht: So ähnlich erging es Sebastian Schipper, dem Autor und Regisseur des Sommerdramas "Mitte Ende August", das ganz frei nach Motiven aus den "Wahlverwandtschaften" entstand.

Die bodenständige Hanna, gespielt von Marie Bäumer, die verblüffende Ähnlichkeit mit Romy Schneider hat, und der ewige Kindskopf Thomas (Milan Peschel) sind ein grundverschiedenes Paar. Doch Liebe kann bekanntlich auch in unseren Zeiten immer noch eine Himmelsmacht sein, und außerdem mag sie seinen Schwanz, wie sie ihm einmal zähneputzend gesteht. Um also ihr magisches Band zu verstärken, erwerben sie ein Haus im Brandenburger Niemandsland, das ähnlich renovierungsbedürftig ist wie ihre Beziehung.

Zwei zweisame Tage an diesem Ort sind ihnen vergönnt, bis Thomas Hanna gesteht, dass er spontan seinen von Arbeit, Weib und Kind entlassenen Bruder Friedrich zu ihnen in die Gefühlsidylle eingeladen hat. Hanna will keine Spielverderberin sein und bringt nun auch noch ihre blutjunge Patentochter Augustine, gespielt von Anna Brüggemann - die deutsche Antwort auf Scarlett Johansson -, in ihrer Kate unter. Und ähnlich wie in der Chemie, in der Wahlverwandtschaft bedeutet, dass Elemente naturgemäß nicht anders können, als sich wechselseitig zu "erwählen" und dadurch eine bestehende Verbindung aufzulösen, werden wir auch hier Augenzeuge von Anziehungskräften unter Laborbedingungen: Während die beiden großen Kinder Thomas und Augustine gern Kaffee trinken und bei Mc Donald's essen, lieben die Stellvertreter der Kultiviertheit Hanna und Friedrich Tee und veganes Essen ...


Sebastian Schipper ist und bleibt ein alter Romantiker: Diesmal entlehnt er seine Motive Goethes "Wahlverwandtschaften". Zur Musik von Vic Chesnutt setzt er eine bröckelnde Sommeridylle im Brandenburger Niemandsland in Szene. Von Gabriele Scholz.

So beginnt die Beziehung von Hanna und Thomas in ihren Grundfesten zu wackeln wie das Häuschen: Der von Milan Peschel herausragend gespielte Thomas reißt spontan eine Wand ihrer Kate ein, ohne sich darum zu kümmern, ob es sich um eine tragende handelt. Die riesige Partnertanne vor dem Haus wird gefällt, man besäuft sich, und Thomas spielt dazu "Eure blauen Augen" auf der Gitarre. Anschließend fahren die vier menschlichen Elemente zur Tankstelle, um mit Tetra-Pak-Billigwein nachzuladen und gleich vor Ort hemmungslos das Tanzbein zu schwingen. Jede dieser Szenen ist sehr unaufdringlich eingefangen von Kameramann Frank Blau, der größtenteils mit natürlichem Licht arbeitet, eine Arbeitsmethode, die Regisseur Schipper während der Dreharbeiten zu dem Statement hinriss: "Ich habe das Gefühl, ich spiele Gitarre, Frank Bass und die Schauspieler singen."



Den Gesang in "Mitte Ende August" steuert jedoch der Amerikaner Vic Chesnutt bei, der eigens für diesen Film Musik komponiert hat, die die bröckelnde Sommeridylle mit zunehmend unheilvollen Gitarrenklängen begleitet. Ein Film wie ein lieb gewonnenes, metaphernreiches Urlaubsbuch, und ein Film für romantisch gebliebene Mitmenschen, denen vergleichsweise die Paarstudie "Alle Anderen" zu schonungslos ist.

Gemeinsam mit dem Verleih Senator Film verlosen wir 5 x 2 Kinotickets. Mail an verlosung@intro.de genügt.

Mitte Ende August
D 2009
R: Sebastian Schipper; D: Marie Bäumer, Milan Peschel, Anna Brüggemann; 30.07.