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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

My Posse’s On Broadway!

Get On Da Mic

Bild: Sonja Eismann Get On Da Mic PS2 Eidos Erst letzten Monat bejubelte Intro-Autor Felix Knoke an dieser Stelle zu Recht das »sukzessive Aufbrechen eines uralten Gaming-Paradigmas«, das sich derzeit anhand des Spielehypes um SingStar, EyeToy und Konsorten ablesen lässt. Tanzmatte, Mik
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Bild: Sonja Eismann

Get On Da Mic
PS2
Eidos

Erst letzten Monat bejubelte Intro-Autor Felix Knoke an dieser Stelle zu Recht das »sukzessive Aufbrechen eines uralten Gaming-Paradigmas«, das sich derzeit anhand des Spielehypes um SingStar, EyeToy und Konsorten ablesen lässt. Tanzmatte, Mikrofon und Kamera ersetzen den klassischen Joystick, die Körper der SpielerInnen rücken visuell und vor allem als Gaming-Ressource in den Vordergrund. Körperliche Fitness besetzt plötzlich auch die digitale Spielewelt – bisher eine Top-Enklave aller Unsportlichen. Nachhaltig spürbar wird dies auch bei ›Get On Da Mic‹, dem »ersten HipHop-Spiel der Welt«, wie der Hersteller Eidos stolz verkündet. Das Rap-Spiel für PS2 nach klassischem Karaoke-Vorbild erscheint dabei als ausgebuffter Clou, die kaufkräftige HipHop-Community vor den Fernseher zu zerren und dem ohnehin Battle-lastigen Genre zu einer digital spielbaren Entsprechung zu verhelfen. Es folgen die Aufzeichnungen eines zunächst zögerlichen Selbstversuchs, an dessen Ende pure Euphorie stehen sollte.

Das Treffen in einer konspirativen Wohnung wurde von langer Hand geplant. Anwesende sind zwei Intro-MitarbeiterInnen und deren PartnerInnen. Allesamt mehr oder weniger Indie/Techno-sozialisiert und abseits von diskografischem Wissen und einer Semi-Liebe zum Genre HipHop in praktischer Hinsicht absolut Rap-unerfahren. Damit der Abend kein Komplett-Debakel bringt, wird im Vorfeld Verstärkung in Form von Tim Bindel, Sänger des Hedo-Pop-Gewitters Die Formation Doppelherz 2000, rekrutiert. Er soll die Kohlen aus dem Feuer holen, wenn es eng wird.

›Get On Da Mic‹ bietet im Multiplayer-Modus drei unterschiedliche Spielmöglichkeiten. Am Anfang werden ein virtueller Charakter und das Setting ausgewählt. Unser Team beginnt zunächst schüchtern zu Hause vor dem Spiegel, später folgen Club-Auftritte, Video-Shootings und eine Welttournee. Zur Auswahl stehen insgesamt 40 zu rappende Titel von amerikanischen Größen des Genres aus allen Zeiten. Vom Sugar-Hill-Gang-Klassiker ›Rapper’s Delight‹ über Public Enemys ›Don’t Believe The Hype‹ bis hin zu Aktuellerem wie Sean Pauls ›Get Busy‹. Schmerzlich vermisst werden vom Team Eminem, 50 Cent und (etwas überraschend) Vanilla Ice. Dass deutsche Acts komplett ausgespart wurden, ist übrigens der große Schwachpunkt des Spiels. Ein Umstand, der jetzt schon nach einer Fortsetzung schreit.

Den einzelnen Tracks sind Schwierigkeitsstufen zugeordnet, die gerade Anfängern die Auswahl erleichtern. Wir beginnen verhalten mit ›Push It‹ von Salt N’ Pepa (ein Schwierigkeitsstern). Das mitgelieferte USB-Mikrofon, dessen Lautstärke per Controller im Verhältnis zur Musik geregelt werden kann, funkelt in der Hand des ersten Contestants. Und bereits nach den ersten gerappten Takten wird klar, wie schwer es allen Beteiligten zunächst fällt, durch ein paar bemühte Gesten Distinktion in einer jahrzehntelang vernachlässigten Kunstform zu generieren: »Klingt wie ein Kind, das Englisch nachsingt, ohne die Bedeutung zu verstehen«, wird mir von rechts zugeraunt, während sich der Partner der Rednerin zu meiner Linken bemüht, den ständig wechselnden Textzeilen im unteren Bildrand des Fernsehers zu folgen. Hier liegt übrigens ein weiterer kleiner Schwachpunkt des Games: Die ungeheuren Textmengen werden – schwer zu begreifen – wie beim klassischen Karaoke in nur zwei Zeilen notiert. Eine Antizipation der Ereignisse ist so nur wenige Sekunden, manchmal Hundertstelsekunden im Voraus möglich. Wohl dem, der die Texte auswendig kennt.

Die Stimmung in der Gruppe steigt dennoch unerwartet schnell. Des Öfteren wird den sich innerhalb eines Tracks abwechselnden Freizeit-Rappern hohe Kunst bescheinigt (»Great!«). Ein Balken an der rechten Bildschirmseite gibt zudem die Begeisterung der virtuellen Crowd an. Ist das Maximum erreicht, werden Extra-Punkte (»Rock Da Mic!«) fällig, und es regnet Geldscheine. Die Euphorie aus Bits und Bytes schwappt über in das Kölner Ein-Zimmer-Apartment: Schwierigere Stücke sollen her, aber schnell. Zum Beispiel Fünf-Sterne-›Get Busy‹. Zumal sich bald herumspricht, dass es dem Spiel herzlich egal ist, ob der gewünschte Text oder ein Stakkato-»Da-Da-Da« im Falle eines Komplett-Black-outs des Spielers mitgerappt wird. Mit einem leisen Milli-Vanilli-Gefühl arbeiten wir uns so in den siebten HipHop-Himmel vor. Die Crowd geht steil, Manager wedeln Plattenverträge vor unseren virtuellen Gesichtern. Alle drehen durch. Aber der Ruhm hat uns auch korrumpiert. Unreflektiert grölen wir, mit oder ohne Mikro, sämtliche auftauchenden Sexismen in Richtung Fernseher und gewöhnen uns standesgemäße Handbewegungen an. Tim Bindel, der zuvor noch Oli P. als Rapper-Vorbild angegeben hatte, macht dabei, wenig überraschend, die beste Figur und versucht sich als krönenden Abschluss sogar sehr erfolgreich im Freestyle-Modus. Ein herrlicher Abend. Und wenn endlich eine Software-Version von Indie-Karaoke auf den Markt kommt, werden wir Könige sein. Erinnern Sie sich an diese Worte.

EyeToy-Kamera
Neben einem zweiten Mikrofon lässt sich bei ›Get On Da Mic‹ auch eine EyeToy-Kamera per USB anschließen. Auf dem Bildschirm kann sich der Contestant dann beim Rappen zusehen. Unnarzisstische Anfänger, die während des Rappens aus dem Augenwinkel dann auch noch ihr verschwitztes Antlitz sehen müssen, dürften an diesem Modus jedoch eher weniger Spaß haben.

Indie-Karaoke
Auf der Website des Wiener Clubs B72 gibt es derzeit circa 40 Indie-Hits, die liebevoll per Midi-Technik Karaoke-tauglich gemacht wurden. Wie beim klassischen Karaoke springt ein Ball über dem Text mit. Mit dabei sind unter anderem Tocotronic, Blur, Adam Green, Oasis, Fugazi, Johnny Cash, Kettcar, Sugar und die Pixies. B72