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D 2004

Gegen die Wand

R: Fatih Akin; D: Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck, Meltem Cumbul; Start: 11.3. "Mensch!", sagt Reinhold Beckmann auf seine 'Ich stell´mich jetzt mal doof und staun´darüber'-Weise zu Sibel Kekilli, "dann ist das ja bei ihnen genau wie im Film!" Wie im richtigen Leben! Da wird die türki
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R: Fatih Akin; D: Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck, Meltem Cumbul; Start: 11.3.

"Mensch!", sagt Reinhold Beckmann auf seine 'Ich stell´mich jetzt mal doof und staun´darüber'-Weise zu Sibel Kekilli, "dann ist das ja bei ihnen genau wie im Film!" Wie im richtigen Leben! Da wird die türkisch stämmige Rebellin von ihrer Familie verstoßen, weil sie Pornos gedreht hat. Das ist ungewöhnlich, sagt Sibel und lächelt dabei: "Ich weiß nicht, wie viel Türkinnen in Pornos spielen." Dass die "Film Diva" (Bild) Kekilli mal ihr Zubrot als "Porno Queen" (Bild) verdient hat, sollte ein Triumph des Enthüllungsjournalismus sein, in den Medien wurde dieser professionelle Reflex medienethisch als Skandal diskutiert. Hätte Bild nicht auch Pornofotos von Anne Ratte-Polle veröffentlicht? Hätte Bild auf den türkischen Ehrenkodex reflektieren sollen? Lass uns nicht von Bild reden!

Dem Presseheft zu 'Gegen Die Wand' gilt Kekilli jedenfalls noch als "von der Straße" und nicht von der "megageilen Kükenfarm" weggecastet. Fatih sagt, man soll sich erst seinen Film angucken, bevor man sich ein Urteil bildet. Mission accomplished? Um dann gleich selbst zu erzählen, dass er den Film gemacht hat, weil der Hauptdarsteller Birol Ünel seiner Rolle so ähnlich ist. Wie im richtigen Leben. Längst ist 'Gegen die Wand' kein Fall mehr für die Filmkritik, sondern für die Diskursanalyse. Zu 'Gegen die Wand' gehört auch Karmakars grandios spröder 'Die Nacht singt ihre Lieder', der auf der Berlinale mutwillig zerstört wurde. Dazu gehört auch die Reaktion der Pornoindustrie, die marketingtechnisch genial auf den "Skandal" aufsattelte. Dazu gehört das umstrittene und fadenscheinig begründete Vorziehen des Filmstarts.

'Gegen die Wand' wird jetzt abgefeiert und zwar (in der bürgerlichen Presse) gerne mittels eines ethnologischen Diskurses. Da ist dann von Authentizität, Kiez-Milieu und Türken zweiter Generation die Rede. Doch 'Gegen die Wand' ist wesentlich ein Kinomärchen, ein Melodram und in der Wahl seiner Mittel reichlich grobschlächtig. Da wird Lebensgier (sie) und Lebensüberdruss (er) mit blutige pathetischen Gesten zelebriert. Motto: Dancing with blood on my wrists! Hamburger Schule: Sex, Musik und Prügeleien, als wär´s das letzte Mal. Yo, Altona, kannst du mich hör´n? Jury-Präsidentin Frances McDormand habe ihm ins Ohr geflüstert, sein Film sei Rock ´n Roll. Sagt Fatih Akin. Ich persönlich wäre ja beleidigt, wenn mir jemand sowas sagen würde, aber die Frau hat Recht. "Gegen die Wand" ist ein Jungsfilm voller unfassbarer und völlig unironischer Rock ´n Roll-Authentizitätsklischees von Komasaufen bis zu hartem Sex, regressiv-vorgestrig wie der Soundtrack, auf dem wir Abwärts, Depeche Mode, Sisters of Mercy, Mona Mur und Birthday Party hören (müssen).

Okay, ich mag den Film nicht. Aber ist nicht auch zumindest bedenklich, dass 'Gegen die Wand' die Geschichte erzählt, wie ein anfangs schwer autodestruktiver, türkenfeindlicher Alt-Rocker und Alkoholiker allein durch die Liebe zu einer jungen Frau, die sich der patriarchalen Ordnung als Opfer hinwirft und sich zusehends selbst-entfremdet, dazu gebracht wird, am Schluss in seine Heimatdorf zurückzukehren. Dieser krude 'Roots'-Männerkitsch versteckt sich hinter der Maske von Authentizität und Exzess: Rock ´n Roll fürwahr.