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… wie die Kaninchen aus dem Hut

Gaspar Noé über seinen Film »Love«

Für den argentinischen Regisseur Gaspar Noé ist »Love« trotz expliziter Sexszenen in 3-D kein spektakulärer Porno, sondern ein Film über die Liebe. Martin Riemann sprach mit Noé über Dinge, die man im Kino eigentlich nicht zeigt – und über den Penis als ungeliebtes Mittel der Provokation. 
Geschrieben am
Muss die Liebe in deinem Film katastrophal enden?
Es gibt nur wenige, die in ihren Liebesbeziehungen Erfolg haben. Wir leben in einer extrem konsumorientierten Gesellschaft, die dir nicht gerade hilft, treu zu sein. Du sollst funktionieren, was unter anderem bedeutet, dass du verführerisch wirken, feiern, trinken und Drogen nehmen sollst. 

Allerdings trägt der Film den Titel »Love« …
Liebe ist ein großes Wort. Es kann alles bedeuten – oder nichts. Sich zu verlieben, ist, wie in den Krieg zu ziehen. Ich kenne Leute, die sich wie wahnsinnig liebten, aber nachdem sie geheiratet hatten, fühlten sie sich eingesperrt und ihre Liebesgeschichte fiel innerhalb von drei Monaten in sich zusammen. Ich habe dafür keine Lösung. Jeder hat seine eigenen Gefühle, aber meistens endet eine Beziehung in beidseitigem Versagen.

Im Film macht die männliche Haltung zur Liebe unmöglich, weil der Typ die Frau als Eigentum betrachtet.
Das Mädchen ist genauso. Wenn du jemanden liebst und ihn nicht verlieren willst, versuchst du, die Lage zu beherrschen, um die Beziehung in die Länge zu ziehen. Allerdings mögen Frauen den Film offenbar mehr als Männer und fühlen sich von ihm auch mehr erregt. Männer habe ich während des Films eher weinen sehen. Wahrscheinlich, weil sie die Dummheiten, die der Mann begeht, aus eigener Erfahrung kennen.
»Love« hat typische Elemente deiner vorherigen Filme: Ekstase wechselt sich mit seelischer Grausamkeit ab. Warum liegt der Fokus auf detaillierten Sexszenen?
»Love« ist ein Melodrama über leidenschaftliche Liebe. So etwas kann man nicht ohne die sexuellen Aspekte erzählen, denn im Sexuellen wird alles andere intensiviert. Wenn du jemanden liebst, machst du mit ihm alles Mögliche. Du gehst essen, spazieren, tanzen oder sonst was – und Sex passt sich in diese Handlungen ein. Es gibt da keinen Bruch.

Wie schafft man es, dass einander unbekannte Schauspieler miteinander Sex vor der Kamera haben?
Ich suchte ein echtes Paar, fand aber keins. Nach einem langen Prozess hatte ich das Gefühl, dass Aomi Myock und Karl Glusman die richtigen für die Rollen von Electra und Murphy sein könnten. Das erste Mal küssten sie sich tatsächlich am Set. Sie hatten sich vorher nicht mal gegenseitig nackt gesehen. Filme imitieren das Leben, so wie ein Zauberer Kaninchen aus dem Hut zieht. Solange es echt aussieht und jeder am Set zufrieden ist – großartig! Natürlich hat auch jeder Schauspieler seine Grenzen. Aber »Love« zeigt, dass du innerhalb dieser Grenzen etwas sehr Wahres und Berührendes machen kannst. Die Liebe ist schließlich ein Thema, auf das sich viele einlassen können. Daran ist nichts Schmutziges. Ich habe niemals daran gedacht, einen Erotikfilm zu machen.

Keine Angst, dass der Film als 3-D-Porno in die Kinogeschichte eingeht?
Seit der Film aufgeführt wird, bin ich geschockt, wie schrecklich es für manche sein muss, auf der Leinwand einen Penis zu sehen. Jeder zweite auf diesem Planeten hat einen, Und er ist genauso rein wie das Gesicht oder die Hände! Vielleicht sind die Hände sogar schmutziger. Aber wenn man im Film einen Penis zeigt, gilt das als provokativ. Waffen gelten dagegen nicht als provokativ. Es muss eine sehr puritanische Gesellschaft sein, die ihren Männern nahelegt, Soldaten zu werden, um den Rest der Welt zu beherrschen und gleichzeitig verhindern will, dass dieselben Männer den Penis eines anderen im Kino sehen.

Wie bist du vorgegangen, um Parallelen zur Bildsprache der Pornografie zu vermeiden?

Der Film soll nicht sexuell anregen, es geht in ihm um das Gefühl, sich zu verlieben. Die Probleme, die »Love« behandelt, werden in Sexfilmen nie angesprochen. Bei Filmen, die diese Dinge ansprechen, geht wiederum das Licht aus, sobald man zusammen ins Schlafzimmer geht. Als würde man bei einem Konzertfilm nur zeigen, wie die Verträge für den Auftritt mit der Band geschlossen werden. 
- Love F/B 2015 R: Gaspar Noé; D: Aomi Muyock, Karl Glusman, Klara Kristin; Kinostart: 26.11.

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