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Fußball wie noch nie

Looking For Eric / 66/67 - Fairplay war gestern

Zwei Filme über Fußball, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch jeweils Freundschaft und Solidarität zum Thema haben.
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Zwei Filme über Fußball, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch jeweils Freundschaft und Solidarität zum Thema haben. Ken Loach gönnt sich nach düsteren Filmen über Sozialdarwinismus ein erhellendes Märchen mit Eric Cantona. Und die deutschen Regisseure Glaser und Ludwig nehmen sich Fans von Eintracht Braunschweig vor.

Eine reichlich surreale Szene steht am Ende von Ken Loachs neuem Spielfilm "Looking For Eric": Drei Busladungen Manchester-United-Fans mit Eric-Cantona-Masken stürmen ein Einfamilienhaus. Eine Szene, die das Klischee des gewalttätigen Fußballfans recht ungewöhnlich abbildet. In der Tat geht es um das Gegenteil: um Solidarität. Diese 50 oder mehr Manchester-Fans, die alle eine Gesichtsmaske mit dem Konterfei von Eric Cantona tragen, jenem französischen Spieler, der den Verein in den 90er-Jahren an die Tabellenspitze geschossen hat und seither bei den englischen Fans als bester Spieler der Liga aller Zeiten gilt, kämpfen für das Gute.

Ken Loach, zusammen mit Mike Leigh seit mehreren Jahrzehnten verantwortlich für das Sozialrealistische im britischen Kino, hat sich nach einigen düsteren Werken einen märchenhaften Film über die Kraft der Heldenverehrung im britischen Fußball gegönnt. Nun ist Fußballgucken im Fernsehen nichts Ungewöhnliches, wenn man es nicht ins Stadion schafft. Aber im Kino? Die Filmgeschichte gibt zwar reichlich Gelegenheit, den Fußball auch im Kino von allen Seiten zu beleuchten. Das reicht von einer pathetischen Geschichtsschmonzette wie "Das Wunder von Bern" bis zur experimentellen Manndeckung von George Best in Hellmuth Costards "Fußball wie noch nie", von der schwärmenden Doku "Deutschland - ein Sommermärchen" bis zu einer Milieustudie wie Adolf Winkelmanns "Nordkurve". Das Interesse dieser Filme gilt aber meist mehr dem Drumherum als dem reinen Sportereignis. Kurz hintereinander kommen nun im November zwei Fußballfilme in die deutschen Kinos, die vor allem am Milieu der Fußballfans interessiert sind und ebenfalls kaum die sportlichen Ereignisse auf dem Platz anvisieren. Trotzdem könnten "Looking For Eric" und "66/67 - Fairplay war gestern" nicht unterschiedlicher sein.

Das Leben von Eric Bishop (Steve Evets) ist das reinste Chaos. Er dreht sich nicht nur im sprichwörtlichen Sinne im Kreis: Als er eines Tages nach Jahren seine Ex-Frau wieder trifft, ergreift ihn eine Panikattacke und er fährt etliche Runden als Geisterfahrer im Kreisverkehr, bis es schließlich kracht. Bishop ist um die 50. Vor 30 Jahren hat er ebenfalls in einem Anfall von Panik seine Frau und sein Kind verlassen. Seitdem stolpert der Briefträger mehr schlecht als recht durchs Leben. Durch eine zweite Beziehung mit einer Alkoholikerin hat er zwei adoleszente Schwiegersöhne am Hals - der eine rutscht gerade ins kriminelle Milieu ab. Jetzt ist seine Tochter aus erster Ehe Mutter geworden. Als er Babysitten soll, trifft er nach Jahren auf seine Ex-Frau. Die Erinnerung an seinen großen Fehler, diese Frau verlassen zu haben, führt zu dem Ausraster im Kreisel. Das Einzige, was jetzt noch hilft, sind ein vom Schwiegersohn geklauter Joint und ein Zwiegespräch mit dem Starschnitt von Eric Cantona, Eric Bishops Held. Das macht er öfters, wenn er nicht mehr weiter weiß. Eines Tages erscheint der angerufene Cantona - gespielt von Eric Cantona - persönlich in Bishops vier Wänden und gibt ihm gute Ratschläge. Einer davon: seine Freunde - allesamt leidenschaftliche ManU-Fans - um Beistand zu bitten. Denn dafür sind Freunde schließlich da.


Looking For Eric (GB/F/I/B/E 2009 R: Ken Loach; D: Steve Evets, Eric Cantona, Stephanie Bishop; 05.11.)

Auf der nächsten Seite: "66/67 - Fairplay war gestern " und Gratis-Preview

Zwei Filme über Fußball, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch jeweils Freundschaft und Solidarität zum Thema haben. Ken Loach gönnt sich nach düsteren Filmen über Sozialdarwinismus ein erhellendes Märchen mit Eric Cantona. Und die deutschen Regisseure Glaser und Ludwig nehmen sich Fans von Eintracht Braunschweig vor. Von Christian Meyer.

Dass Freundschaft bedeutet, zusammenzuhalten, das wissen auch sechs Thirtysomethings aus Braunschweig. Sie sind fanatische Eintracht-Fans und zeigen das durch ein 66/67-Branding auf der Brust: Es markiert die Saison, in der Eintracht Braunschweig seinen einzigen Meistertitel feiern konnte. Nun, in der dritten Liga angekommen, zusammen mit Vereinen wie SV Sandhausen oder SV Burghausen, ist dieser Glanz längst Geschichte. Die Eintracht ist sogar vom Abstieg bedroht, als diese sechs jungen Männer langsam merken, dass verzweifeltes Festhalten an ihrer Freundschaft auch nicht mehr von der Liebe zum Verein überspielt werden kann. Denn eigentlich verbindet sie kaum noch etwas, außer dass sie alle große Probleme mit dem Erwachsenwerden haben. Ihr Fantum ist ein Schutzraum vor der Realität, in dem sie zwischen sentimentalem Schwärmen in vergangenem Vereinsglanz und stumpfer Hooligan-Gewalt ihre Ängste kompensieren.


Das Regie-Duo Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser ("Detroit", "1. Mai") erspart dem Zuschauer ebenso wie Ken Loach einen soziologischen Lehrfilm über das Fantum und dessen Auswüchse - dort Heldenverehrung, hier Aggressionsventil. Stattdessen bietet "66/67" mit seinen durchweg großartigen Darstellern (u. a. Christoph Bach und Fabian Hinrichs) eine genaue Charakterzeichnung der Protagonisten, aus der klar wird, dass ihre Gewaltausbrüche ebenso wenig mit dem Fußball zu tun haben wie andererseits der Fußball ihre Probleme nicht lösen kann. Weil sich das Drehbuch aber das eine oder andere Mal dramaturgisch versteigt, ist Ken Loachs Märchen, in dem die Liebe zum Fußball letztendlich tatsächlich Probleme löst, nicht nur um einiges hoffnungsvoller, sondern auch realistischer.

Zusammen mit
11Freunde, dem Magazin für Fußballkultur, lädt Intro zur Preview von "66/67 - Fairplay war gestern" in diverse deutsche Städte. Unter www.intro.de/previews könnt ihr euch anmelden und euch eure Gratis-Tickets sichern, so lange der Vorrat reicht.

 
66/67 - Fairplay war gestern (D 2009 R: Jan-Christoph Glaser, Carsten Ludwig; D: Fabian Hinrichs, Christoph Bach, Maxim Mehmet; 19.11.)