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Für eine Handvoll Cents

Martin Scorsese / Shutter Island

Martin Scorsese lässt sich für die Verfilmung eines Romans, den er nie gelesen hat, von seinen frühen Lehrjahren inspirieren.
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Martin Scorsese lässt sich für die Verfilmung eines Romans, den er nie gelesen hat, von seinen frühen Lehrjahren inspirieren – und spricht mit Patrick Heidmann über erste Filmerfahrungen samt kreischender Familie, bellendem Hund und Zombies zum Spottpreis. Es mag den Mann mit der Blackberry-Allergie selbst am meisten trösten, dass er mit "Shutter Island" beweist: Es ist noch genug von dieser Ursuppe für alle da!

Eine echte Überraschung ist die Quintessenz eines Gesprächs mit Martin Scorsese nicht, aber doch irgendwie eine Offenbarung. Dieser Mann, nicht umsonst einer der legendärsten Regisseure des US-amerikanischen Kinos und seines Zeichens Gründer der Film Foundation, die sich um Erhalt und Restaurierung alter Meisterwerke bemüht, lebt für den – oder besser: fühlt und denkt Film. Die Literatur dagegen ist nicht so seine Welt, selbst wenn er, wie nun im Falle von "Shutter Island", einen Bestseller verfilmt: "Ich kannte den Roman von Dennis Lehane ehrlich gesagt gar nicht", gibt Scorsese im Interview zu. "Aber als mir das Drehbuch angeboten wurde, war ich auf Anhieb begeistert. Für mich ist beim ersten Lesen immer das Wichtigste, dass mich die Geschichte packt. Über die Details, die Struktur, die Konstruktion des cineastischen Puzzles mache ich mir erst später Gedanken."

Allerdings müssen es letztlich wohl gerade die Details der Story gewesen sein, die dem Filmemacher gefielen. Lehane ließ sich für seinen Roman über den Kriegsveteran und US-Marshal Teddy Daniels, der 1954 auf eine abgeschottete Insel vor Boston geschickt wird, um das Verschwinden einer Patientin aus einer Anstalt für psychisch kranke Straftäter aufzuklären, vor allem von zweitklassigen Gruselfilmen der Vierziger- und Fünfzigerjahre inspirieren. Genau von jenen Werken also, die quasi als Ursuppe für Scorseses Liebe zum Film dienten: "Als Teenager in New York habe ich mir oft in irgendwelchen alten kleinen Kinos die Horrorfilme von Val Lewton angesehen, wo ‘Ich folgte einem Zombie’ und andere ein paar Jahre nach ihrer Premiere für ein paar Cent wiederholt wurden", erzählt er. "Bleibenden Eindruck hat 'Isle Of The Dead’ bei mir hinterlassen. Da musste ich aufstehen und gehen, weil ich mich so sehr gegruselt habe."

Den Geist dieser gleichermaßen virtuosen wie trashigen B-Movies atmet nun der ungleich aufwendiger inszenierte "Shutter Island", eine gewittrig-düstere Irrenhaus-Odyssee voll zwielichtiger Psychiater (in Gestalt von Ben Kingsley oder Max von Sydow), grimmiger Aufseher und Insassen, die durchaus an Zombies gemahnen. Die Spannung hält Scorsese dabei auf erträglichem Niveau, aber tatsächlich verdichtet sich die Erzählung atmosphärisch vom Krimi zum Gruselfilm, je weiter Teddy (Leonardo DiCaprio), verfolgt von den eigenen Dämonen, in diese Welt des Wahnsinns vordringt.

Überraschend kommt die Hinwendung des Oscar-Gewinners zum Genrekino nicht, man denke nur an seine "Kap der Angst"-Version von 1991. Zumal er sich hier einer Fragestellung widmet, die immer schon und nicht zuletzt in jüngeren Filmen wie "Gangs Of New York" oder "Departed" zentrales Thema seiner Werke war, nämlich „inwieweit Gewalt zur Natur des Menschen gehört und welche Auswirkungen sie auf ihn hat". Auf diese Weise lässt Scorsese die von ihm gar nicht gelesene Vorlage weit hinter sich – und verankert "Shutter Island" fest in der eigenen Filmografie.

Sie sind ein alter Hase im Filmgeschäft. Irritieren Sie die Veränderungen, die der Film momentan durchzumachen scheint?

Ich finde das im Gegenteil sehr spannend! Alles verändert sich nun einmal, deswegen sollte man gar nicht erst versuchen, solche Entwicklungen aufzuhalten. Gerade kürzlich diskutierte ich mit meinem Freund und Kollegen Paul Schrader darüber, dass junge Leute einen Film vermutlich eher am Computer als im Kino sehen. Selbst wenn sie dort einen Klassiker wie "Die roten Schuhe" anschauen, muss man davon ausgehen, dass sie nebenher etwas anderes machen. Anscheinend gibt es ja eine Erfindung namens Skype, wenn ich richtig informiert bin. Es kann also sein, dass sie gleichzeitig den Film gucken, parallel meinen Kommentar dazu anhören und auch noch mit einem Freund telefonieren. Das ist natürlich eine ganz andere Filmerfahrung, als man sie früher hatte. Allerdings habe ich damals auch "Citizen Kane" im Fernsehen geschaut, während gleichzeitig die gesamte italienische Familie durch die winzige Wohnung brüllte und der Hund nicht zu bellen aufhörte!

Ziehen Sie denn Konsequenzen aus diesen Entwicklungen?
Nein, nicht wirklich, denn ich verlasse mich lieber auf das, was ich kenne. Ich weiß zwar, dass die Jugend die Welt mit anderen Augen sieht als ich, aber mir ist dieser Blick trotzdem fremd. Ich kann ja nicht einmal mit einem Computer umgehen. Mit Müh und Not bringen mich meine Mitarbeiter dazu, dieses Blackberry-Ding zu benutzen. Wobei ich das auch so selten wie möglich tue, denn davon tun mir die Daumen weh, und ich bekomme Arthritis.

Und was halten Sie von Digitalkameras?
Eine tolle Sache! Hätte es sie damals schon gegeben, hätte ich einen Film wie "Hexenkessel" sicherlich digital gedreht. Noch benutze ich sie nicht, weil die Bildqualität meiner Meinung nach noch nicht ganz so gut ist, wie wenn man auf Film dreht. Aber die Technologie ändert sich rasant, also ist es vielleicht bald so weit. Michael Mann macht seine Filme schon seit Jahren so und erzielt tolle Ergebnisse. Außerdem würde ich mich nie gegen etwas sträuben, das mir die Arbeit erleichtert. Solange ich eben bei der Qualität keine Abstriche machen muss.



Shutter Island
(USA 2010;R: Martin Scorsese; D: Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Michelle Williams; 25.02.)