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D 2007

Full Metal Village

Das Dörfchen Wacken in Schleswig-Holstein würde außer der eigenen 1800 Einwohner wohl kaum jemand kennen, fände hier nicht seit 1990 das Wacken Open-Air, das Woodstock der Metalfans, statt. In ebenjenem Jahr zog auch Regisseurin Sung-Hyung Cho aus ihrer Heimat Südkorea ins gerade wiedervereinigte De
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Das Dörfchen Wacken in Schleswig-Holstein würde außer der eigenen 1800 Einwohner wohl kaum jemand kennen, fände hier nicht seit 1990 das Wacken Open-Air, das Woodstock der Metalfans, statt. In ebenjenem Jahr zog auch Regisseurin Sung-Hyung Cho aus ihrer Heimat Südkorea ins gerade wiedervereinigte Deutschland, um Kunstgeschichte zu studieren. Ein Zeitungsfoto mit drei Ganzkörper-tätowierten Hünen, die in einem Tante-Emma-Laden brav ihre Kekse bezahlen, erweckte ihr Interesse und gab ihr schließlich das Thema ihres ersten abendfüllenden Dokumentarfilms vor. Was vor 17 Jahren als Zusammenrottung einer Handvoll Headbanger auf einer Kuhweide begann, hat sich mittlerweile zum Riesen-Event mit jährlich rund 40.000 Besuchern aus aller Welt entwickelt.

Cho wollte aber keine Doku über das Festival selbst drehen, und so stören die schwarzen Lederhorden erst im letzten Viertel ihres Films das beschauliche Landleben. Die Metalheads lernt der Zuschauer auch nicht persönlich kennen, sie bleiben ein von außen bestauntes Kuriosum. Stattdessen zeigt die junge Regisseurin genüsslich und detailverliebt das Leben der Dorfbewohner. Oma Irmchen, die als Kind aus Ostpreußen nach Holstein flüchtete und der in ihrer strengen Gottesfürchtigkeit das Kokettieren der seltsamen Gäste mit Satan ein Dorn im Auge ist, kommt ebenso zu Wort wie der schlaue Bauer Trede, für den das Festival zum festen Nebenverdienst geworden ist, seit er die Festival-Ordner schult und die post-metallene Müllbeseitigung organisiert. Sung-Hyung Chos neugieriger Blick ist der einer Fremden und vielleicht gerade deshalb so erhellend. Kameramann Markus Winterbauer kleidet die holsteinische Idylle in beinah altmeisterlich komponierte Bilder, die wunderbar mit den gezupften Streichern der Filmmusik von Peyman Yazdanian harmonieren. Ein Perser macht die Musik zum selbst betitelten “Heimatfilm” einer Koreanerin in Deutschland, das kann ja nur gut werden. Der Aufeinanderprall zweier Kulturen hat für die Regisseurin natürlich auch starke autobiografische Motivation. Und wenn die Lederprolls von den Blechbläsern der freiwilligen Feuerwehr empfangen werden und zur Marschmusik ihre Frisuren rotieren lassen, beginnt man zu ahnen, dass die scheinbar so fremden Parteien vielleicht doch mehr verbindet, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Zum Schluss wird es dann kurz sehr laut, bevor wieder zwölf Monate Ruhe ist in Wacken.