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Vorhof zur Hölle

»Freistatt«

Marc Brummunds Spielfilm über die Prügelknaben der Nation basiert auf den Erinnerungen eines ehemaligen Heimkindes. Die Geschichte spielt in einer Zeit, als »Schläge in Namen des Herrn« nicht nur in Norddeutschland an der Tagesordnung waren.
Geschrieben am
1968 – ein Jahr, das auch in der BRD für Aufbruch und Neuorientierung steht. Die junge Generation sagt dem »Muff von tausend Jahren« den Kampf an. Das Bild der Medien ist geprägt von Stones, Sex und Schlaghosen. Auf den Straßen tobt der Kampf gegen Vietnam und den Staat. In diesen unruhigen Zeiten klammert sich die Kirche mit aller Macht an den Gehorsam durch Züchtigung. Überall im Land haben Fürsorgeheime Hochkonjunktur. »Wenn du nicht spurst, kommst du ins Heim« ist ein geflügeltes Wort. Für mehr als 800.000 Jungen und Mädchen wird es grausame Realität –  bis in die 1970er Jahre hinein. 

Marc Brummunds Film spielt an einem berüchtigten Ort im hohen Norden. Dort landet der 14jährige Wolfgang, weil er seinem Stiefvater und auch seiner Mutter beim bürgerlichen Traum einer harmonischen Familie im Weg ist. Wolfgang hat eine umfangreiche Akte. Er lehnt sich fortwährend gegen Autoritäten auf. Andere staatliche Einrichtungen können ihn nicht lange halten, so kommt er in die Diakonie Freistatt, umgeben von Mooren und Deichen, fernab der Zivilisation. Der Hausvater und Hobbygärtner Brockmann macht zunächst einen väterlichen Eindruck, als er den Jüngling willkommen heißt. Doch auf Zuckerbrot folgt bald die Peitsche. Tagsüber schuften die Jungs beim Torfstechen, abends werden sie in den Schlaf geprügelt. Die »Brüder« spielen ein perfides Spiel aus Angst und Selbstregulierung innerhalb der Gruppe. Wenn einer nicht spurt, müssen alle leiden. Doch Wolfgang lässt sich nicht einschüchtern.
Regisseur und Drehbuchautor Marc Brummund wuchs unweit der Einrichtung auf, ahnungslos, was dort vor sich ging. 2006 schockierte das Sachbuch »Schläge im Namen des Herrn« die Öffentlichkeit. Darin deckt Autor Peter Wensierski die Erziehungsmaßnahmen in kirchlichen Einrichtungen auf. »Freistatt« basiert zum großen Teil auf den Erinnerungen von Wolfgang Rosenkötter, der das Martyrium der Heimerziehung durchlebte. In langen Gesprächen schilderte Rosenkötter Brummund seine Erlebnisse.

Der Regisseur wählte die Form des Spielfilms, um die Geschichte einem möglichst großem Publikum zugänglich zu machen. Dabei bedient er sich oftmals allzu vordergründigen Effekten der Empathie, der Soundtrack von Anne Nikitin wirkt ab und an zu aufdringlich, die starken Bilder von Judith Kaufmann zu glatt. Getragen wird »Freistatt« von einem starken Ensemble bemerkenswerter Darsteller, aus dem Louis Hofmann in der Hauptrolle heraus sticht. Gedreht wurde an Originalschauplätzen. So entstand ein wichtiger Film, der die zahlreichen Preise, die er bislang erhielt, ebenso verdient hat wie ein großes Publikum.

– »Freistatt« (D 2014; R: R: Marc Brummund; D: Louis Hofmann, Alexander Held, Langston Uibel, Kinostart: 25.06.15)