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Das Ouzo-Orakel

Frank Schulz

Hereinbrechende Dunkelheit kupiert einen Gischtschweif. Kann man auch sagen, wenn abends ein Schiff mit einer verhängnisvollen Frau an Bord einläuft. Zumindest, wenn man Frank Schulz ist. Bodo “Mufti” Morten ist aus Hamburg in die elysischen Gefilde Griechenlands geflohen, um den vermaledeiten “Link
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Hereinbrechende Dunkelheit kupiert einen Gischtschweif. Kann man auch sagen, wenn abends ein Schiff mit einer verhängnisvollen Frau an Bord einläuft. Zumindest, wenn man Frank Schulz ist. Bodo “Mufti” Morten ist aus Hamburg in die elysischen Gefilde Griechenlands geflohen, um den vermaledeiten “Linksknöpfern” ein für alle Mal zu entkommen, die ihn im Lauf der ersten beiden Romane der Hagener Trilogie, “Kolks Blonde Bräute” und “Morbus Fonticuli”, hinterhältig in Alkoholismus und Wahnsinn getrieben haben, wie er findet. Gleichsam aus Selbstschutz lebt er nun einsiedlerisch in einer Höhle am ionischen Meer, per lückenlosem Stundenplan einer rigorosen Selbstdisziplin unterworfen, und hält mit Sport, Meditation und dem Studium Homers Geisteskrankheit wie Geschlechtstrieb im Zaum. Bis besagte Frau einläuft, die Bodo bald als seine Sandkastenliebe Monika aus dem niedersächsischen Heimatdorf wieder erkennt. Seine widerstrebende Verliebtheit wird mehr und mehr zur Bedrohung für die Weltflucht, bis er in höchster Not das Ouzo-Orakel aufsucht, einen geheimnisumwobenen Eremiten, der gegen ein paar Liter Alkohol aber auch jedes Problem lösen kann. Die wetterleuchtende, detailversessene Sprache, in der all das erzählt ist, hat Schulz Vergleiche mit Arno Schmidt und Eckhard Henscheid eingetragen, und tatsächlich stößt man unablässig auf todschöne Formulierungen, raffiniert ausgeklügelte Bilder und mit feinsten Hämmerchen ziselierte Wortgeschmeide. Auf beinahe jeder Seite gibt es atemberaubende Abschnitte, die man zwei- oder dreimal liest, bevor man sich losreißt, nur um benommen zum nächsten Wörter-Trüffelfeld zu taumeln. Und Schulz, das Schwein, schafft’s mit seinem Sprachriecher auch noch, dass es nie eitel wird oder nur Schönklang, es passt immer alles und steht aus Gründen so da. Schlimmstenfalls greift ein schnoddriger Dialektsatz oder etwas feste Umgangssprache helfend ein. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass das Schwadronieren des Ich-Erzählers auch anstrengend ist. Der Schmidt/Henscheid-Vergleich stimmt auch insofern, als dass hier eine gnadenlose, bis zur Peinlichkeit präzise Vorführung und Demontage männlicher Selbstverliebtheit, Selbstgerechtigkeit, kurz: Doof- und Dumpfheit betrieben wird. Frauen sind entweder bedrohlich oder beschränkt, und der Erzähler bewundert neidisch den griechischen Machismo, der den Touristinnen natürlich nicht lästig fällt, sondern Gelegenheit ist, sich von bestenfalls gleich mehreren urwüchsigen Stechern mal wieder richtig zur Frau machen zu lassen. Das ist selbstverständlich planvoll erzählt, und brillant getroffen, will aber auch über die Distanz von über 540 Seiten ausgehalten sein. Am abschließenden Urteil kann es dennoch keinen Zweifel geben: Intro-Publikum! Du, mit den müden Äuglein voll öder Popliteratur! Nimm und lies! Hier warten Sprachkunst, Herzensbildung, Witz!

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