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GB 1998

Following

Christopher Nolans Filme sind so eine Sache. Hollywoods viel umschwärmtes Wunderkind vergaloppiert sich gerne mal ein wenig. Man nehme nur “Memento”, sein gepriesenes vermeintliches Meisterwerk aus dem Jahr 2000. Die an sich schon abstruse Story eines Mannes, der trotz fehlenden Kurzzeitgedächtnisse
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Christopher Nolans Filme sind so eine Sache. Hollywoods viel umschwärmtes Wunderkind vergaloppiert sich gerne mal ein wenig. Man nehme nur “Memento”, sein gepriesenes vermeintliches Meisterwerk aus dem Jahr 2000. Die an sich schon abstruse Story eines Mannes, der trotz fehlenden Kurzzeitgedächtnisses einen Mord aufklären muss, reichte Nolan nicht. Der Film musste auch noch rückwärts erzählt werden. Dadurch sollte der Zuschauer in dieselbe hilflose Lage befördert werden wie der Protagonist. Die tatsächliche Folge einer so formalisierten Herangehensweise an die Kunst des Storytellings ist freilich eine andere, nämlich dass viele Faktoren, die einen guten Film ausmachen, auf der Strecke bleiben: überzeugende Konflikte ebenso wie runde, nachvollziehbare Figuren, von so etwas wie einer Message ganz zu schweigen. Was bleibt, ist das kalte, artifizielle Streber-Kino eines Mannes, der das Filmemachen neu erfinden will. Das aufgeblasene Folgewerk “Batman Begins”, das zugleich Nolans kommerziellen Erfolg bedeutete, war noch schlimmer. In beiden Fällen wurde zudem nachlässig gecastet. Sowohl Guy Pearce in “Memento” als auch Christian Bale als düsterer Fledermann wirken wie blasse Marionetten in den Händen eines verkrampften Puppenspielers. Schwer lastet das überambitionierte Drehbuch auf ihren Schultern. Doch genug kritisiert, denn siehe: Nolan kann es viel, viel besser! Davon kann man sich überzeugen, wenn man sich sein Frühwerk “Following” von 1998 anschaut, diese vertrackte 70-minütige Perle mit Film-noir-Ästhetik, die jetzt endlich auf DVD erscheint. Die Story ist von der ersten Minute an packend: Der arbeitslose Außenseiter Bill (Jeremy Theobald) folgt wildfremden Menschen quer durch ein graues, verregnetes London, um Charakterstudien für einen Roman zu betreiben. So zumindest rechtfertigt er seine obsessive voyeuristische Schrulle vor sich selbst. Eines Tages dreht eines seiner Opfer den Spieß um und stellt ihn überraschend zur Rede. Und siehe da, der dandyhafte Cobb (Alex Haw) hat ein ähnliches Hobby. Er steigt in fremde Wohnungen ein, um in privaten Dingen herumzuschnüffeln. Da haben sich zwei gefunden. Schon hier arbeitet Nolan mit verschachtelten Zeitebenen und treibt sein durchtriebenes Verwirrspiel mit dem Zuschauer. Nur ist hier das Drehbuch lebendig, die Figuren sind originell und die (Laien-) Darsteller durch die Bank grandios. “Following” ist das Musterbeispiel eines Independentfilms. Gedreht wurde nur samstags, da alle Mitwirkenden beruflich anderweitig eingebunden waren. Das Mini-Budget zahlte der Regisseur aus eigener Tasche. Die Krönung der DVD ist ein Audiokommentar, in dem Nolan noch einmal die turbulente Entstehungsgeschichte des Films Revue passieren lässt und zudem ein filmisches Wissen offenbart, vor dem man in den Staub sinken muss. Der Mann ist eben doch ein Guter. Wäre man gemein, man könnte sagen: Nolan hat nur farblose Filme gedreht – bis auf “Following”, der ist großartig und schwarz-weiß.