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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Räuberhände

Finn-Ole Heinrich

Janik und Samuel haben gerade Abi gemacht und noch keine weiteren Pläne für die Zukunft.
Geschrieben am

Janik und Samuel haben gerade Abi gemacht und noch keine weiteren Pläne für die Zukunft. Jetzt verlängern sie den Sommer in Istanbul, wo Samuel seinen Vater und damit seine Identität finden will. Janik kommt mit der hitzigen Stadt nicht zurecht, während Samuel in seinem Element ist. Die Metropole verstärkt das Fremdsein der beiden Jungs und beschleunigt alles: erwachsen werden, Verantwortung tragen, sich entscheiden.


Der Hannoveraner Filmstudent Finn-Ole Heinrich ist bereits 2005 dem Literaturbetrieb und Publikum aufgefallen (s. auch Leserpoll 07 in Intro #157), als er den Kurzgeschichtenband "Die Taschen voll Wasser" vorlegte. Jetzt gibt der 25-Jährige mit "Räuberhände" sein Romandebüt.

Erzählt wird die Coming-of-Age-Story aus Janiks Perspektive, teils im Hier und Jetzt, teils in Rückblicken. Janik und Samuel erscheinen einerseits wie normale Jugendliche mit ihren altersspezifischen Nöten. Andererseits: Samuel lebt mit bei Janiks Eltern, weil seine Mutter Irene eine Pennerin und Alkoholikerin ist. Seinen Vater kennt Samuel nicht, weiß aber von Irene, dass dieser Türke ist. Fortan lernt er Türkisch und verinnerlicht muslimische Regeln. Janik liebt die zwei Jahre jüngere Lina, obwohl es so aussieht, als empfände er für Samuel mehr als nur Freundschaft.

"Räuberhände" ist voller bezaubernder Momente und augenzwinkernder Realitäten. Etwas kritischer sind die Gegensätze, die Heinrich konstruiert: die Penner-Mutter hier und die überbesorgten, politisch korrekten Alt-68er-Eltern dort; der behütet aufgewachsene, aber voller Ängste steckende 19-Jährige hier und der 19-jährige Loner dort, der zwar sein Leben und das seiner Mutter managen kann, aber Schwierigkeiten hat zu akzeptieren, dass andere ihn auch um seiner selbst willen lieben.

Die Faszination des Elends, die Janik empfindet, ist allein dadurch nicht zu erklären. Manche Figuren wirken genau dort ein wenig holzschnittartig, wo mit Heinrich scheinbar der sozialkritische Anspruch durchgegangen ist. Letztendlich ist es aber genau das, was die Besonderheit von "Räuberhände" ausmacht: Da traut sich jemand, motivisch Wege zu gehen, die aufgrund der Gefahr, in der Sackgasse Klischee zu enden, bei vielen Schriftstellern von vorneherein tabu sind. Am Ende ist man dann überrascht, dass diese Wege mit anderen Stilmitteln plötzlich gangbar sind.