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Falco, Austrias liebster Außenseiter

Thomas Roth / Verdammt, wir leben noch

Im letzten Jahr wäre Falco 50 Jahre alt geworden. Vor zehn Jahren ist er bei einem Autounfall ums Leben gekommen
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Im letzten Jahr wäre Falco 50 Jahre alt geworden. Vor zehn Jahren ist er bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das Biopic "Verdammt, wir leben noch" versucht eine Annäherung an die private Person und die öffentliche Figur. Vom "Kommissar" bis zum "Mann mit dem Koks". Wolfgang Frömberg traf Regisseur Thomas Roth in Wien.



Mit Elvis Presley hat der österreichische Bub Johann Hölzel mehr gemein, als man zunächst glauben mag. Nicht nur die Anzahl der Buchstaben seines Künstlernamens legt Analogien nahe. Auch die Abwesenheit der verstorbenen Geschwister - Elvis war einsamer Zwilling, Falco gar einzig überlebender Drilling - und das Faible für verbotene Substanzen verbindet die beiden Sängerknaben. Bewusste Ernährung geht anders. Elvis starb 1977 im Alter von 42 Jahren, Falco trat 1998 kurz vor seinem 41. Geburtstag ab.

 

Ihr Ruhm wirkt nach. Während jährlich gut eine halbe Million Schwärmer die Pilgerstätte Graceland in Memphis besuchen, um durch Presleys Wohnstube zu tapern, schleichen Falcos Bewunderer auf dem Wiener Zentralfriedhof herum, wo der "erste weiße Rapper" von Mitgliedern der Motorrad-Gang "Outsider Austria" zu jenem Grabe getragen wurde, auf dem eine Glastafel an seine größten Hits erinnert. Elvis wurde zum Abgott, Falco war immerhin ein Weltstar. Von den Gesichtsprominenten der aufsteigenden Boulevardkultur unterscheidet sich seine glamouröse Figur durch ihre vom Alltag enthobene Künstlichkeit. Nachdem er sein Alter Ego als arroganter Schnösel entworfen hatte, existierte "der Hans" nur mehr für sein privates Umfeld. Dass der Bub sich auch dort ab einem gewissen Punkt arrogant und egozentrisch aufführte - davon handelt unter anderem Thomas Roths Biopic "Verdammt, wir leben noch".


Mit Ian Curtis und Bob Dylan hat der in Wien geborene Falco auch was gemeinsam. Nämlich, dass im Jahr von "Control" und "I'm Not There" zudem eine Verfilmung seines Lebens in die deutschen Kinos kommt. Zwar hat "Verdammt, wir leben noch" hierzulande bislang noch keinen Verleih, man kann aber davon ausgehen, dass der kommerziell erfolgreiche Start in Austria mit rund 100.000 Besuchern nach einer Woche dazu beitragen wird, den Film im Jahr des zehnten Todestags von Falco und der Fußballeuropameisterschaft in Österreich auch in der BRD bestens vermarkten zu können.


Für die Produzenten wäre das eine Erleichterung. Regisseur und Drehbuchautor Thomas Roth jedenfalls scheint froh, erst mal keine weiteren Landsleute von der Presse vor sich zu haben, deren Kritik schon bei der Besetzung der Hauptrolle anfängt. Das Andenken an Falco ist so was wie ein Heiligtum im kollektiven nationalen Gedächtnis - und der Neidfaktor laut Roth erheblich. Da kann man sich eigentlich nur in die Nesseln setzen. Roth wollte ursprünglich Robert Stadlober. Nachdem der abgesagt hatte, entschied er sich für ein unverbrauchtes Gesicht mit einer äußerlichen Nähe zum Original.

 

Manuel Rubey verkörpert die private Person Hölzel und die öffentliche Figur Falco mit im Handlungsverlauf zunehmender Eindringlichkeit. Wo er in den ersten Szenen hölzern wirkt in seiner Hochnäsigkeit, trifft er den irren Blick beim späteren Auftritt als Kulttype auf dem Donaufestival ganz wunderbar. Während Hölzel sich von seiner ersten Freundin und seiner Ehefrau als dummer Macho verlachen lassen muss, liegen Falco die Massen zu Füßen. Eine Diskrepanz, die sich hier in Rubeys Augen ablesen lässt. Neben dem Telefonat mit der Tochter, die nicht Falcos leibliches Kind ist, einer der stärksten Momente des Films.
Mit dem wirklichen Falco hat der von Rubey gespielte vor allem die biografischen Eckdaten gemein. Thomas Roth legte nach eigener Aussage bei der Darstellung seines Filmhelden Wert auf Authentizität.

 

Allerdings kann Authentizität immer nur ein Teil der Inszenierung sein - und die Quellen waren wegen des noch zu Falcos Lebzeiten vertraglich gesicherten Schweigens seiner Gattin Jacqueline und der schweren Krankheit seiner Mutter nicht alle zugänglich. Anders als Todd Haynes' "I'm Not There", dafür ähnlich wie Anton Corbijns "Control" ist Thomas Roths Biopic nichtsdestotrotz mit der Dekonstruktion aller möglichen Mythen rund um das öffentliche Image des Künstlers beschäftigt. Das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder bedauert man den Blick durchs Schlüsselloch, der den permanenten menschlichen Niedergang vom "Hans" ins Visier nimmt, oder man erfreut sich an der realistischen Darstellung des freudlosen Vegetierens im kulturindustriellen Sumpf, wo allein gute Verkaufszahlen vorübergehend Glück verheißen.

 

Der Falco aus "Verdammt, wir leben noch" hat sich selbst verwirklicht, indem er sich vollkommen verausgabt hat. Aus dem Bub, der die Schule schwänzte, um ins Kino zu gehen, wurde eine koksende, Videos glotzende Couch-Potato. Letzte Zeugin seines widersprüchlichen Werdegangs ist im Film keine Geringere als Grace Jones. Den Tod durch einen Autounfall hat Falco mit James Dean gemeinsam.

Alles weitere über "Verdammt, wir leben noch" auf www.falcoderfilm.at.



Wohin, Wien - Ein Stadtführer von INTRO. Hier zum Download.