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Die Zeit ist reif

Fahrenheit 9/11

Als Quentin Tarantino vergangenen Mai Michael Moore in Cannes die Goldene Palme für ›Fahrenheit 9/11‹ überreichte, ergab sich dem Betrachter ein seltenes Bild von solidarischer Geschlossenheit innerhalb der amerikanischen Filmindustrie. Die Entscheidung, so Jury-Präsident Tarantino - und es klang
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Als Quentin Tarantino vergangenen Mai Michael Moore in Cannes die Goldene Palme für ›Fahrenheit 9/11‹ überreichte, ergab sich dem Betrachter ein seltenes Bild von solidarischer Geschlossenheit innerhalb der amerikanischen Filmindustrie. Die Entscheidung, so Jury-Präsident Tarantino – und es klang fast entschuldigend –, Moores Film zum besten des Festivals zu küren, sei eindeutig ausgefallen. Es sei einfach, stellte er schnell noch mal zur Sicherheit klar, der beste Film im Wettbewerb gewesen. Das ist zunächst – in Anbetracht des steten Qualitätsverlusts der A-Festivals – eine relative Aussage, doch einwenden ließ sich dagegen nichts. Auch wenn die internationale Filmkritik, nachdem Moores letzter Film ›Bowling For Columbine‹ zwei Jahren zuvor nur mit einem Spezialpreis ausgezeichnet wurde, in der diesjährigen Jury-Entscheidung ein klares politisches Kalkül vermutete. Die Zeit war, daran bestand zumindest kein Zweifel, noch nie so reif gewesen ...

Politisch-korrekte Jury-Entscheidungen zu treffen zählte bislang eher zum Aufgabenbereich der Berlinale. Es ist jedoch reine Spekulation, ob ›Fahrenheit 9/11‹ nun in den Augen der Cannes-Jury wirklich der beste oder nur der wichtigste Film des Wettbewerbs gewesen ist. Viel bemerkenswerter war, dass die Jury, zu der so unterschiedliche Hollywood-Figuren wie Tarantino, Tilda Swinton, Kathleen Turner und Jerry Schatzberg (aber auch Tsui Hark und Emmanuelle Béart) gehörten, sich dem Vernehmen nach so einstimmig auf ›Fahrenheit 9/11‹ hatten einigen können; ein Film immerhin, der, relativ gesprochen, nicht ohne Mängel ist, aber – und das kann man Moore nicht hoch genug anrechnen – zu seinem Thema zumindest so eindeutig Stellung bezieht, dass die Gegenseite schon präventiv von Amerika aus in Gefechtsbereitschaft ging. Das passt irgendwie zu dem Bild, das man sich derzeit in Amerika von Amerika machen kann. Zwischen New York und Los Angeles hat man sich über zwei Jahre lang so erfolgreich auf eine bedingungslose Autoritätshörigkeit eingeschworen, dass nur schwer zu begreifen ist, wenn plötzlich jemand einen Dokumentarfilm macht, der seine subjektive Haltung zu keiner Sekunde verhehlt. Und dessen Sprecherposition sich dazu noch so vehement dem Meinungskonsens widersetzt. Nach den ersten Einspielergebnissen aus den USA lässt sich immerhin feststellen, dass Moores Botschaft angekommen ist. Sie war zugegebenermaßen aber auch nicht zu überhören. Die Goldene Palme von Cannes hat dazu nicht unbeträchtlich beigetragen. So ist es vielleicht gar nicht mal hypothetisch zu behaupten, dass die (von amerikanischer Seite) sehr heterogen besetzte Cannes-Jury so etwas wie die Vorreiterrolle für eine neue mediale Gegenöffentlichkeit in den USA gespielt hat, die ein halbes Jahr zuvor praktisch noch nicht existent war. Nach den Enthüllungen um Folterpraktiken in Abu Ghraib und dem Eingeständnis der CIA, trotz schlechter Informationslage einen Krieg gegen den Irak befürwortet zu haben, wird ›Fahrenheit 9/11‹ momentan auf einer beispiellosen Sympathiewelle davongetragen. Zweifel an Moores Methoden verhallen ungehört. Bekanntermaßen leben wir in einer reinen Bilderkultur. Wer letzte Bestätigung für die Nachrichtengreuel sucht, geht im Jahr 2004 am besten ins Kino.

Als Dokumentarfilmer ist Moore ein Scharlatan. Von einem Berufsethos hat er noch nie etwas gehört – oder es interessiert ihn einfach nicht. Das spricht nicht per se gegen ›Fahrenheit 9/11‹, es erfordert nur eine etwas andere filmische Rezeption. Wie Moore in ›Fahrenheit 9/11‹ den Informationswert der Bilder mit seinen eigenen Kommentaren pointiert, gehört zu den ältesten Tricks linker Propaganda – die schon immer lustiger (siehe auch Dusan Makavejevs ›W.R. – Mysterien Des Organismus‹) als ihr von rechts kommendes Pendant gewesen ist. Moore hat jede Menge Fakten zum »9/11«-Komplex aufbereitet, die sich zu einem großen Teil den Verflechtungen der Familien Bush und Bin Laden widmen. Doch die Informationsdichte ist so hoch und Moores Argumentation gerät so krude, dass er sich am Ende wieder nur auf seine schärfste Waffe, die Denunziation, verlassen kann. Stellenweise scheint es, als habe Moore vor der Informationsfülle schlicht kapitulieren müssen. Vielversprechend aufgebaute Argumentationen werden mit plakativen Bild/Tonmontagen abgewürgt; sobald Moore die Macht des Faktischen zu kompliziert wird, muss Sarkasmus den Film aus der Argumentationsfalle retten. Dass er dabei bestimmte Fakten offensichtlich unterschlägt oder wissentlich fehlinterpretiert, hat Moores Anti-Bush-Polemik in Amerika nicht nur von rechts viel Kritik eingebracht.

Am überzeugendsten sind in ›Fahrenheit 9/11‹ die Bilder, zu denen Moore schweigt – was er dieses Mal überraschend oft tut. Dazu gehört fast das komplette letzte Drittel des Films, in dem er Lila Lipscomb, der Mutter eines gefallenen Soldaten, das Feld überlässt. In ihr, einer konservativen Demokratin und ehemaligen Kriegsbefürworterin, hat Moore die ideale Identifikationsfigur für ein geläutertes Amerika gefunden. Dass er ihr so viel Platz einräumt, hat zweierlei Funktion: Er benutzt die Frau mit ihrem für Moores Zwecke modellhaften Schicksal als Projektionsfläche für den Teil des Publikums, der sich immer noch am Agitator Moore stört. Die sorgfältig entwickelte Dramaturgie dieses letzten Drittels erfüllt noch eine andere Funktion: Moore muss so lange an der Frau dranbleiben, bis sie ihm genug Material geliefert hat. Und das erhält er schließlich auch, als Lisa Lipscomb vor dem Weißen Haus weinend zusammenbricht. Auf diesem schmalen Grat zwischen Exploitation und Infotainment bewegt sich der ganze Film. Moore wird nicht erst seit ›Bowling For Columbine‹ sein Hang zur Simplifizierung vorgeworfen. Aber es ist auch nicht zu bestreiten, dass es ihm sehr anschaulich gelingen kann, mit diesem Stilmittel soziale Konstellationen herauszuarbeiten. Lisa Lipscomb kommt auch in dieser Hinsicht in ›Fahrenheit 9/11‹ eine Schlüsselrolle zu: Lipscomb erklärt Moore, dass sie die Armee befürwortet, weil sie für ihre Kinder überhaupt die einzige Chance auf ein Studium darstellt. Zur Unterstützung dieser Aussage interviewt Moore afroamerikanische Jugendliche, die ebenfalls den Militärdienst angetreten haben, um ihrem sozialen Milieu zu entkommen. Diese Bilder wiederum korrespondieren wirkungsvoll mit vorangegangenen (bisher unveröffentlichten) Aufnahmen afroamerikanischer Mitglieder des Repräsentantenhauses, die vergeblich Beschwerde darüber einreichten, dass afroamerikanische Wähler bei der Präsidentschaftswahl in Florida 2000 massiv bei der Stimmabgabe behindert wurden.

Aus Moores Wissen über unsere Bilderkultur, so manipulativ er es auch einsetzt, schöpfen sich solche visuellen Genealogien (von sozialer Repression, dem Zusammenhang von Korporativismus und Staatspolitik etc.), die in der Bilderhegemonie der Massenmedien schlicht unterzugehen drohen. Moores zusammengedampfte Ikonografie ist allgemeinverständlich genug, um wieder in die Kanäle der Massenmedien entlassen zu werden. Denn am Ende müssen sich seine Methoden unter den Bedingungen des Mainstreams bewähren. Solange sich dort keine Alternative abzeichnet, bleibt die Stimme Michael Moores wohl unersetzlich.

Hard Facts:
Hauptaugenmerk der Kritik an ›Fahrenheit 9/11‹ ist Moores Behauptung, dass die amerikanische Regierung während des nationalen Flugverbots nach den Anschlägen vom 11. September die gesamte Bin-Laden-Familie heimlich aus den USA ausgeflogen haben soll. Das ist zwar richtig, aber Moore stellt die Fakten in ›Fahrenheit 9/11‹ falsch dar. Die »9/11«-Kommission hat diese Flüge inzwischen untersucht und sie für nicht rechtswidrig erklärt. Soft Facts:
›Fahrenheit 9/11‹-Top 3: 01. George W. Bush sitzt am Morgen des 11. September 2001 sieben Minuten lang wie versteinert in einem Grundschulklassenzimmer in Florida und blättert in dem Kinderbuch ›My Pet Goat‹.
02. John Ashcroft trägt seine selbst komponierte Hymne ›Let The Eagle Soar‹ vor.
03. Moore fährt in einem gekaperten Eiswagen um den Capitol Hill in Washington und liest über Lautsprecher den ›Patriot Act‹ vor, den ein Großteil der Mitglieder des Repräsentantenhauses ungelesen abgesegnet hatte.