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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Es geht um Widersprüche, um Ambivalenzen«

Renn, wenn du kannst

Drei Fragen an Regisseur Dietrich Brüggemann zu seinem Überraschungserfolg
Geschrieben am
Was hat dich daran interessiert?
Wir werden dauernd mit Perfektion und Erfolg konfrontiert. Sogar bei der Lektüre von Intro. Überall tolle Leute, die spannende Sachen machen, blendend aussehen und vermutlich auch ein umwerfendes Liebesleben haben. Wir vergleichen uns selbst damit und stehen im Vergleich eher schlecht da.

Ein Behinderter hat die gleichen Probleme, nur in verschärfter Form. Es geht um Widersprüche, um Ambivalenzen und darum, wie man mit ihnen leben kann. Davon abgesehen musste noch jemand einen Film über das seltsame Verhältnis Zivi-Behinderter machen, bevor der Zivildienst mit der Wehrpflicht auf den Müllhaufen der Geschichte wandert.

Die meisten deutschen Filme spielen in Berlin, viele in Hamburg oder München. Du hast dich für Duisburg entschieden. Warum?
Das Ruhrgebiet hat eine lange Tradition in der Kohleförderung. Und das waren auch unsere Gründe: Kohle und Förderung. Zumindest am Anfang. Dann haben wir eine wundervolle versunkene Welt entdeckt, durch die der Film schöner und eigenwilliger wurde, als er in Berlin jemals geworden wäre.

Unsere Geschichte kann eigentlich irgendwo spielen, aber diese graue Stadt-Landschaft mit ihrer Industrievergangenheit und ihrer sehr deutschen Melancholie passte gut, fast schon zu gut. Weswegen wir die bekannte Kumpel-Pott-Stimmung weggelassen und uns einfach aus den Bildern, die wir fanden, eine Art zeitlose Zwischenwelt gebaut haben.

In deinem Film treffen Alltagsrealität von Rollstuhlfahrern in Form von umständlichem Sex und Bilder von Plattenbauten im Meer aufeinander. Was davon fehlt im deutschen Kino?
Dem deutschen Kino fehlt es weder an Alltagsrealität noch an fantasievollen Bildern. Vielleicht fehlt die Fähigkeit, beides zu kombinieren, ohne dass es doof aussieht. Oder einfach ein Gespür für Normalität. Unser Kino schaut eher auf die Ränder der Gesellschaft. Ich fühle mich aber eigentlich weder berufen noch zuständig, das deutsche Kino von irgendeinem Mangel zu befreien - ich will Geschichten erzählen aus einer Welt, in der das Schöne, das Schreckliche und das Lächerliche gleichzeitig stattfinden. Das will ich im Film finden, denn ich sehe es in der Welt andauernd, im Kino aber nur selten.


»Renn, wenn du kannst«(D 2010; R: Dietrich Brüggemann; D: Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Jacob Matschenz; Zorro)