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»Eraserhead«,»Twin Peaks – Der Film« und »Lost Highway« neu aufgelegt

Freud euch auf »Tribute: David Lynch«

Das Werk von David Lynch steht für surrealistische Trips ins Unbewusste. »Eraserhead«, »Twin Peaks – Der Film« und »Lost Highway« gibt es jetzt auf Blu-ray und als Digital-Remastered-DVD-Editionen. Eine Würdigung des Meisters.

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Wenn die Welt ein Alptraum ist, macht David Lynch realistische Filme. Spätestens seit dem Hype um seine Fernsehserie »Twin Peaks«, die Anfang der Neunziger versprach, das Serienformat zu revolutionieren und dieses Versprechen auch einlöste, ist Lynch der Inbegriff des verschrobenen Arthouse-Filmemachers. Seine Salonlöwenmähnen-Frisur ist das gestrenge Äquivalent zu Jim Jarmuschs weichen Indie-Flausen. Ein echter Charakterkopf der anspruchsvollen Filmkunst.

Einem kleineren Kreis war Lynch nicht erst seit »Twin Peaks« als Meister des surrealistischen Kinos bekannt. Seine Film gewordenen Albträume begleiteten auf VHS so einige Freaks durch verkiffte Nächte. Einer der Meilensteine seiner Karriere, den Lynch im selben Jahr wie »Twin Peaks« in die Welt setzte, war »Wild At Heart«. Ein beinahe klassischer Spielfilm mit einem Handlungsstrang, dem man auch ohne Psychologiestudium folgen konnte. Zuvor hatte er mit »Eraserhead«, »Der Elefantenmensch« und »Blue Velvet« die seelischen Abgründe der Menschheit experimenteller inszeniert, allerdings ohne den Kontakt zu einem möglichst breiten Publikum zu verlieren. Für Fans, die nicht nur lieber nichts verstehen, sondern im Kino oder vor der Glotze ähnlich wie von halluzinogenen Drogen unterhalten werden wollten. Lediglich »Der Wüstenplanet«, die Adaption des Romans von Frank Herbert, ist selbst für den eingefleischten Lynchmob schwer verdaulich. Aber den kann man immerhin noch so lange kultisch verehren, bis der mit dem Remake betraute Denis Villeneuve eine klügere Fassung abliefert. Und es soll Menschen geben, die zutiefst bezweifeln, dass ihm das gelingt.

Alles begann 1977 mit Lynchs Horrortrip »Eraserhead«. Das Debüt erscheint nun als schicke Blu-ray-Edition. Ebenso das im Nachhinein realisierte Serien-Prequel »Twin Peaks – Der Film« und »Lost Highway«, den er wiederum sechs Jahre danach drehte. Gerade das Meta-Psychodrama »Lost Highway« dürfte inzwischen als Krone der Schöpfung der Popkultur in den 1990er-Jahren durchgehen. Getreu dem Motto, nach dem Kurt Cobain gelebt haben könnte: Nicht nur wir selbst sind verloren, auch der Weg, den wir eigentlich gehen müssten, führt ins Nichts. Unter dieser Prämisse entfaltet sich eine abgefahrene Handlung, schließlich hat Lynch nicht nur das Drehbuch mitverfasst, sondern auch eine Menge Freud gelesen. »Lost Highway« führt uns mitten durch das seltsame Doppelleben eines Jazz-Saxofonisten, der sich in einen Automechaniker verwandelt, als er unter Mordverdacht gerät. Diese radikale Art der Wesensveränderung durch ein einschneidendes Lebensereignis hatte Lynch bereits in »Eraserhead« aus dem Ärmel geschüttelt. In der Musik von Lynchs Hauskomponisten Angelo Badalamenti lebt derweil das Gefühl allumfassender Rätselhaftigkeit aus »Twin Peaks« und »Twin Peaks – Der Film« weiter, wo einem Badalamentis mittlerweile legendäres Musikthema unter die Haut kroch wie die Angst vor bösen Geistern.

Bei »Eraserhead« hatte David Lynch noch alles allein gemacht: Regie, Drehbuch, Produktion, Schnitt – und auch die Musik stammte von ihm. Das Genre, dem man »Eraserhead« trotz aller Horror- und Science-Fiction-Elemente heute am ehesten zurechnen könnte, ist »David-Lynch-Film«. Unvergleichlich. Die Handlung spielt in einer für die frühen 1980er-Jahre typischen industriellen Dystopie, deren Ruinen ästhetisch reizvoller erscheinen als die Natur, falls man einen Sinn für Punk und dessen Hang zur Trostlosigkeit hat. In »Eraserhead« ist das Leben der Hauptfigur Henry Spencer in allen Belangen deformiert. Dies wird am deutlichsten in der Gestalt des missgebildeten Babys, mit dem ihn seine Freundin Mary sitzen lässt. Durch die Vaterschaft beginnt sich seine Existenz aufzulösen. Und genau das macht den Film so eigenartig.

Eine Wesensveränderung steht auch an der Quelle des »Twin Peaks«-Mythos. Der dreht sich einerseits um die ermordete Laura Palmer, andererseits um die Besessenheit ihres Vaters von einem Dämon namens Bob sowie um einen FBI-Agenten, der eher als Medium übersinnlicher Phänomene agiert denn als banaler Ermittler. »Twin Peaks – Der Fim« zeigt, dass Lynch unter der Salonlöwenmähne den eigenen Kosmos sowohl immer wieder in Frage stellt als auch immer tiefer in ihn einzutauchen vermag. So wurde aus dem Prequel ein Kommentar über die Geheimnisse der Serie und noch dazu eine Ergänzung der lückenhaften Geschichte. Nicht jeder Fan mochte diesen freizügigen Umgang mit den liebgewonnen Mysterien. Aber wer alles über »Twin Peaks« wissen möchte, sollte neben der aktuellen dritten Staffel auch die Kino-Adaption gesehen haben. Sie ist inklusive ihrer kleinen Makel ein echter »David Lynch«-Film.

Intro empfiehlt: »Eraserhead«, »Twin Peaks – Der Film« und »Lost Highway« (USA 1977, 1991, 1997: R: David Lynch) auf DVD und Blu-ray, jeweils 19. April 2018; Studiocanal

Twin Peaks - Fire Walk With Me

Release: 21.03.2018