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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

USA 2003 R: Gus van Sant; D: Alex Frost, Eric Deulen, John Robinson, Elias McConnell; 08.04.

Elephant

›Elephant‹ ist ein knallhartes, visuell stimmiges Meisterwerk. Allein schon für die an den späten Godard erinnernden Aufnahmen eines herannahenden Unwetters muss man diesen Film über das Massaker an der Columbine Highschool lieben. Die übliche Medienperspektive wird auf sensationelle Weise auf den K
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›Elephant‹ ist ein knallhartes, visuell stimmiges Meisterwerk. Allein schon für die an den späten Godard erinnernden Aufnahmen eines herannahenden Unwetters muss man diesen Film über das Massaker an der Columbine Highschool lieben. Die übliche Medienperspektive wird auf sensationelle Weise auf den Kopf gestellt. Wir kennen das: Üblicherweise wird ein Schulmassaker routiniert aus der Täterperspektive rekonstruiert, es muss Erklärungen für dieses skandalöse Ausrasten geben. Michael Moore (›Bowling For Columbine‹) hat vorgemacht, wohin solche Spuren führen können. Üblicherweise bekommen wir einen Mix aus Milieu, Computerspielen und politischen Vorlieben. Gus van Sant, der sich in seiner mittlerweile langen Regiekarriere immer wieder als sensibler Chronist des Heranwachsens (›Drugstore Cowboy‹, ›My Own Private Idaho‹) und als genialer Experimentalfilmer (›Psycho‹, ›Gerry‹) gezeigt hat, wählt hier jedoch das eigentlich Skandalöse, die Opferperspektive. Er zeigt den Schulalltag, aufgelöst in eine wunderbare nicht-lineare Choreografie schier endloser Kamerafahrten. Schule als ein Mikrokosmos von Routine, kurzen Begegnungen, Kreativität und Bulimie, Verliebtheit, Begehren und Erniedrigung. Man kennt das ja alles: die Supersportler, die Alphatiere, die pickligen Brillenschlangen, die Kreativen, die nervigen Cliquen, die überforderten Lehrer, die schnippischen Sekretärinnen. Nach zwanzig Minuten setzt sich die Topografie der Schule im Kopf des Zuschauers zusammen, man bemerkt erste Überschneidungen der Kamerafahrten, die dann in alternative Richtungen weiterlaufen, Informationen zusammentragen. Endlose Gänge wie in Kubricks ›Shining‹, eine atmosphärische Tonspur, die Stimmen und Töne sammelt. War das gerade ein Schuss? Nach vierzig Minuten betreten zwei Jungs in Kampfanzügen die Schule durch einen Seiteneingang – und jetzt wird’s richtig unangenehm. Nicht, weil die Gewalt sich grafisch explizit entlädt, sondern weil wir diejenigen, die jetzt gleich sterben werden, kennen gelernt haben. Klar, in ein, zwei Szenen begleitet ›Elephant‹ den Täter nach Hause, wo Computerspiele gespielt und Nazi-Dokus geguckt werden. Es kommt sogar zu einer kurzen homosexuellen Andeutung, die aber auch als weitere Facette der vorgeführten teenage angst durchgehen könnte. Die formale Wucht von ›Elephant‹, der im letzten Jahr in Cannes die Goldene Palme gewann, beschädigen diese Szenen nicht. Viel einprägsamer ist der Terror, der vom Schulalltag, von den öden Vorortsiedlungen und den leeren, unbewohnt aussehenden Elternhäusern ausgeht. Ganz am Anfang wird ein Junge von seinem völlig betrunkenen Vater, gespielt übrigens von der New-Hollywood-Ikone Timothy Bottoms, zur Schule gefahren. Dort angekommen, muss er sich erst mal um die Betreuung des Vaters sorgen, ein paar Telefonate führen. Auch das ist die Normalität von ›Elephant‹: Vor den Vätern sterben die Söhne. Ausnahmen bestätigen nur die Regel.