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Das Grauen fassen / Wie Überlebende weiterleben

Edgar Hilsenrath

Der Germanist Karl-Heinz Götze zählt ihn zu den »wenigen bedeutenden deutschsprachigen Autoren der Gegenwart«. Die Gesamtauflage seiner Bücher beträgt bislang knapp fünf Millionen Exemplare, seine Werke waren in Frankreich, den USA und England große Erfolge. Dennoch hat der Piper Verlag dem Autor
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Der Germanist Karl-Heinz Götze zählt ihn zu den »wenigen bedeutenden deutschsprachigen Autoren der Gegenwart«. Die Gesamtauflage seiner Bücher beträgt bislang knapp fünf Millionen Exemplare, seine Werke waren in Frankreich, den USA und England große Erfolge. Dennoch hat der Piper Verlag dem Autor Edgar Hilsenrath kürzlich die deutschen Rechte an seinem Werk zurückgegeben. Die Verkäufe seien unbefriedigend. Für Hilsenrath ist ein solcher Umgang mit seinem Schaffen nichts Neues. Sein erster Roman, ›Die Nacht‹, in den USA unter schlechtesten Bedingungen entstanden, fand zunächst keinen Verleger in der Bundesrepublik. 1964 erschien er im Kindler Verlag, wurde jedoch bereits ein gutes halbes Jahr später trotz guter Kritiken wieder vom Markt genommen. Der Verlag gab an, dass »unter der bundesdeutschen Bevölkerung ein verkappt antisemitischer Trend« vorherrsche, sodass das Buch, in dem Hilsenrath erstmals versucht, die Ghetto-Geschichte zu erfassen, diesem Publikum nicht vorzusetzen sei.

Auch sein bekanntestes Buch ›Der Nazi & Der Friseur‹, das 1971 in den USA erschien und gleich ein großer Erfolg wurde – und in Frankreich sogar mit dem »Grand Prix de l’Humour Noir« bedacht wurde –, war in der Bundesrepublik zunächst nicht gern gesehen. Der Autor erntete Absagen aus allen großen Verlagshäusern, bis sich schließlich der kleine Verlag Braun traute, das Buch zu verlegen. Die Satire, in der sich ein ehemaliger SS-Scherge als sein vergaster jüdischer Jugendfreund Itzig Finkelstein ausgibt und nach Palästina emigriert, wurde sogleich ein Publikumserfolg. Doch die Kritik war nicht zufrieden: »Statt der Stummheit gegenüber dem Unsagbaren nur Wortgeklingel«, schrieb Fritz J. Raddatz. Die hiesige Literaturszene wollte dem Überlebenden vorschreiben, wie man mit der Shoah umzugehen habe. Der viel beschworene, gerade auch von Antisemiten geliebte so genannte jüdische Witz durfte keinesfalls auf des Deutschen liebstes Geschichtsereignis, den Holocaust, treffen. Wie über den Holocaust zu reden sei, bestimmen bis heute die Nachfahren der Täter. Edgar Hilsenrath wird 1926 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Leipzig geboren und flieht 1938 mit einem Teil seiner Familie nach Rumänien. 1941 wird er von rumänischen Soldaten in ein ukrainisches Ghetto deportiert. Ab 1945 lebt er in Palästina, 1951 emigriert er in die Vereinigten Staaten und lebt in ärmsten Verhältnissen in New York. 1975 zieht er nach Berlin, wo er bis heute lebt.

Seit Ende des letzten Jahres nun wird dieser Autor, dessen Werke keine Ware sind, mit einer Werkausgabe im Kölner Dittrich Verlag geehrt, die sein früherer, trotz des Erfolges von ›Der Nazi & Der Friseur‹ Pleite gegangener Verleger Helmut Braun herausgibt. So ist nun einerseits der Roman ›Jossel Wassermanns Heimkehr‹ wieder lieferbar, der zum ersten Mal vor elf Jahren erschien. In ihm erzählt Hilsenrath ganz anekdotisch und fast verklärend vom Leben im Schtetl. Der in Zürich sterbende Fabrikant Jossel Wassermann, der seinem Schtetl all sein Geld vermachen will, möchte, dass der Thoraschreiber des Dorfes Pohodna auch seine Geschichte aufschreibt. Doch Wassermann stirbt einen Tag vor Beginn des 2. Weltkrieges, und die jüdische Bevölkerung des Dorfes, die durch Wassermanns Erbe zu Reichtum kommen soll, wird deportiert. Insofern erzählt Wassermann seine Geschichte in den Wind, denn die Welt, deren Geschichte er bewahren will, ist bereits zum Untergang verurteilt.

In dem anderen Roman, ›Fuck America‹, wie er jetzt erstmals korrekt heißt (er erschien 1980 unter dem etwas abwegigen Titel ›Bronskys Geständnis‹), geht es ebenfalls um jüdische Geschichte. Joseph Bronsky, ein Überlebender, darf 1952 in die USA einreisen, mit einem Visum, das sein Vater im Jahr 1938 beantragt hat. Nach dem Holocaust nun nehmen die USA die Überlebenden auf, Bronsky lebt dort, als displaced person in mehrfacher Hinsicht. Weder gehört er in die USA, deren Materialismus er verachtet, noch kann er woandershin. Er ist seiner Vergangenheit beraubt. Zugleich schreibt er, wenn er nicht gerade einen Gelegenheitsjob annehmen muss, an einem Roman, der den Titel ›Der Wichser‹ tragen und ihm seine Sprache zurückgeben soll. Auch dieser Roman trägt autobiografische Züge: Auch Hilsenrath schrieb in den USA an seinem ersten Buch, dem oben erwähnten Roman ›Die Nacht‹. In ›Fuck America‹ geht es ums Ficken und Nichtfickenkönnen, um Schnorrerei und falsche Coolness – Bronsky, ein selbstgerechter Typ, ist eine gebrochene Figur, ein zynischer Held ohne Herkunft. Das lässt ihn die USA, die ihn, der lebt, während sechs Millionen umgebracht wurden, aufgenommen hat, ebenso hassen wie den Rest. Er ist ein unfreier Mensch, seiner Identität beraubt. ›Fuck America‹ ist nicht eben Hilsenraths bestes Buch, doch scheint auch hier hinter all der Vulgarität, die den Roman prägt, eine tiefe Moralität auf. Hilsenrath hat für seine Bücher eine einfache klare Sprache gefunden, der es gelingt, das Grauen zu fassen. Zugleich pflegt er einen bitteren Humor. Wer wissen will, wie Überlebende weiterleben konnten, muss Hilsenrath lesen.

Werkausgabe
Die Werkausgabe bezeichnet im Regelfall den Tod eines Autoren bzw. einer Autorin. Das Werk wird kompakt und also wegstellbar. Manchmal aber kann eine Werkausgabe auch retten, auf jene Aufmerksamkeit lenken, die verdrängt oder vergessen würden. Edgar Hilsenraths ›Nazi/Friseur‹-Roman etwa ist im September wieder lieferbar. In dem bis 2008 laufenden Editionsplan werden endlich auch neue Werke angekündigt.