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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Geschichte eines außerirdischen Videospiels

»E.T.«-Ausgrabung in New Mexico

Es war der schillerndste Mythos der mittlerweile gar nicht mehr so jungen Videospielgeschichte: die angeblich millionenfache Entsorgung des gefloppten »E.T.«-Videospiels 1983 in der Wüste von New Mexico. Jetzt konnte ein Team Archäologen den armen Pixel-Außerirdischen tatsächlich exhumieren. Der Versuch einer Trennung von Mythos und Realität.
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Videospiele erzählen kindliche, humorvolle oder grausame Geschichten. Doch das kommerziell erfolgreichste Unterhaltungsmedium der letzten Jahre schreibt fast nie selbst welche. Auch wenn es Ausnahmen gibt. Etwa den faszinierenden Verbreitungsweg des ursprünglich kommunistischen Games »Tetris« von einem Moskauer Büro bis in die Kinderzimmer des Kapitalismus. Generell aber werden Videospiele geheimniskrämerisch, überaus strategisch und hochtechnisiert produziert. Der Pioniergeist ist längst erloschen. Entsprechend arm ist das Genre an Unvorhergesehenem, Abgründigem – kurz: an Mythen. 

 

Ein Mythos, der in keiner Game-Dokumentation fehlen darf, fasziniert jedoch seit über 30 Jahren die Fans: Was passierte wirklich am 26. September 1983 auf einer Müllkippe in Alamogordo, New Mexico? Ließ der damalige Marktführer Atari tatsächlich Millionen unverkaufte Exemplare seines kolossal gefloppten Lizenz-Videospiels »E.T. – The Extra-Terrestrial« heimlich auf einer Müllkippe vergraben? Und ist das angeblich schlechteste Videospiel aller Zeiten schuld am sogenannten Video-Game-Crash, der kurz darauf die Branche in die Knie zwang? 

 

Eine Ausgrabung Ende April 2014 brachte die Wahrheit nun nach über 30 Jahren ans Licht.

Ein heiliger Gral aus Schrott?

 

Drehbuchautor und Filmemacher Zak Penn klingt ausgesprochen entspannt am Telefon. Kein Wunder: Der erste Teil seiner Aufgabe, einen Dokumentarfilm über die Ausgrabung eines ausnahmsweise mal wirklich legendären Videospiels zu drehen, hat soeben geklappt. Obwohl das Ausgrabungsteam, das er mit der Kamera begleiten durfte, nur das Budget und die städtische Grabungslizenz für zwei Tage bekommen hatte, reichte die Zeit, um zu finden, was sie suchten: Hunderte zum Teil immer noch sehr gut erhaltene Atari-Videospiele. Die Zeitzeugen, unter anderem ein Lkw-Fahrer, der eine der angeblich zehn bis zwanzig Truck-Ladungen voller Atari-2600-Cartridges auf einer Müllkippe bei Alamogordo verklappt haben will, behielten recht. Allerdings steht Zak Penn damit vor dem nächsten Problem: »Wir haben neben ›E.T.‹ erwartungsgemäß auch etliche andere Atari-Spiele dort gefunden. Als aber tatsächlich ein ›E.T.‹-Modul als Erstes geborgen wurde, dachte ich kurz: ›Jetzt denken die ganzen Verschwörungstheoretiker wieder, alles sei Fake, weil es so glattging.‹«

 

Es ist aber auch kompliziert: Die in Prä-Internetzeiten entstandene und seitdem dutzendfach ausgeschmückte Legende besagte, dass der strauchelnde Videospiel- und Konsolen-Produzent Atari 1983 mehrere Millionen nicht verkaufte Spiele als Retouren zurücknehmen musste. Da Lagerplatz teuer ist, sollen sie bei Nacht und Nebel entsorgt worden sein. Der Schandfleck »E.T.«, ein Spiel, das viel zu viel Lizenzgebühr verschlang, in nur fünf lächerlichen Wochen programmiert wurde und von fünf Millionen gefertigten Modulen nur 1,5 Millionen absetzte, soll symbolisch dem Erdboden gleichgemacht worden sein. Eine Version, die laut Zak Penn schon zu Beginn seiner Auseinandersetzung mit dem Thema an vielen Stellen unglaubwürdig schien. »Je mehr man sich dem Mythos näherte, desto weniger davon schien wahr. Dieses Spiel ist der Sündenbock für das Scheitern von Atari, das vielschichtige Gründe hatte.«

 

Auf der nächsten Seite geht's weiter.

Tatsächlich gilt als sicher: »E.T.« ist für die Videospielindustrie nicht das gewesen, was der Eisberg für die Titanic war. Schon die Portierung des Arcade-Klassikers »Pac-Man« auf Ataris Heimkonsole hatte sich 1982 grausam verkauft und die Firma in schwere finanzielle Schieflage gebracht. Abgesehen davon scheint selbst der Claim »schlechtestes Videospiel aller Zeiten«, der unter anderem durch den Angry Video Game Nerd stetig genährt wurde, ein Mythos. »E.T.« wirkt grafisch aus heutiger Sicht lächerlich, die Bedienung ist zudem rätselhaft. Doch wer sich die verhältnismäßig umfangreiche Spielanleitung durchlas, spielte das Spiel dennoch zumeist stundenlang. Zak Penn gehörte zu dieser Gruppe und erinnert sich an eine durchaus erträgliche Zeit vorm TV-Gerät.

 

Störung der Totenruhe

 

Über 30 Jahre später hat er ganz andere Sorgen – was, wenn die Ausgrabung, zu der sich Kamerateams aus der ganzen Welt und Hunderte Videospielfans in die Wüste von New Mexico begeben haben, gar nichts zutage fördert?

 

»Wir waren uns ziemlich sicher, dass die Vergrabung der Spiele wirklich stattgefunden haben muss«, erzählt Penn. »Dieser Mythos machte einen viel plausibleren Eindruck als das Monster von Loch Ness. Aber wir waren überhaupt nicht sicher, ob wir an der richtigen Stelle gruben. Vor dem ganzen Publikum zu stehen hat mich nervös gemacht. Ich dachte: Vielleicht ergeht es uns so wie Geraldo Rivera mit der Schatzkammer von Al Capone.«

 

Das gute Ende für Zak Penns Doku kam schnell: Am 26. April 2014 fand das von Archäologen begleitete Suchteam mithilfe von Zeitzeugen in wenigen Metern Tiefe schon nach kurzer Zeit zahlreiche der in Wahrheit »nur« 728.000 Module, die dort vergraben worden sein sollen. Rund 1300 Spiele wurden insgesamt geborgen. Teilweise, so jüngste Gerüchte, sollen sie als Sammlerobjekte verkauft werden. 

 

Was bleibt, ist das Ende eines schönen Mythos’, der so schillernd wohl nur in der Zeit vor der Informationsgesellschaft, vor Google und Wikipedia, hatte auswuchern können. Schade eigentlich. 

 

Zak Penn hat mittlerweile eine schlüssige Erklärung für das immense Interesse an der Ausgrabung. Für die Anteilnahme am Schicksal eines unbeliebten Videospiels, an dessen Gameplay sich kaum noch jemand erinnern kann: »Das Faszinierende an der Geschichte ist, dass sie Menschen überhaupt fasziniert. Warum sie das tut? Weil Videospiele in unserer Kultur einen so großen Platz einnehmen, aber kein eigenes Denkmal besitzen, wo man sie ehren könnte.«

 

Vielleicht ist es an der Zeit dafür. Der erste Stern des Videospiel-»Walk of Fame« könnte in den staubigen Asphalt in der Nähe einer ehemaligen Mülldeponie, drei Meilen südlich des Nestes Alamogordo, New Mexico, eingelassen werden.

 

– »Atari: Game Over« (Arbeitstitel; R: Zak Penn) ist ab circa Herbst auf Xbox One und Xbox 360 zu sehen

– »E.T. – The Extra-Terrestrial« ist in einer Browser-Version gratis spielbar unter www.archive.org