×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Dschungelcamp 2015

Dynamitlager ohne Streichhölzer

Die bisherige Staffel von »Ich bin ein Star - holt mich hier raus!« ist die langweiligste seit Jahren. Dabei bedarf das Format zwingend eines neuerlichen Peaks. Sonst stürzt es wie jedes nie ausgebesserte Bambushaus in den kommenden Jahren in sich zusammen und verrottet. Siehe »Big Brother«. Felix Scharlau seziert den drohenden Niedergang.
Geschrieben am
Noch vor einem Jahr glich das Dschungelcamp dem Spiel der spanischen Fußballweltmeistermannschaft von 2010. Das TV-Format war ein vor Kraft strotzender Unterhaltungsselbstläufer. Souverän, überraschend, kurzweilig. Ein Siegertyp. Und in den aufregendsten Momenten voll philosophischer Klarheit. 

Jetzt erlebt RTL damit seine ganz persönliche WM 2014. Auch wenn die Quoten aktuell noch okay sind. Betonung auf »noch«. Woran das liegt, hat mehrere Gründe.
Die Kandidaten

Spätestens Kandidaten wie Jochen Bendel haben 2014 gezeigt, dass es eben doch möglich scheint, über dem Würmer-Essen und Kotzfrucht-Trinken die Würde nicht zu verlieren. Oder zumindest nicht noch mehr davon. 

So wie ihn gab es in den vergangenen Jahren etliche Teilnehmer, die gestärkt aus dem Dschungel heimkehrten. Kandidaten, zu denen man hinterher nicht auf-, sie aber zumindest wieder anschaute. Einige konnten anschließend im alten Beruf arbeiten, weil sie zuvor der immanenten Demütigung des Formats mutig und glaubhaft entgegengetreten waren. Sie waren die wahren Dschungelköniginnen und –könige. 

Die kleine Chance, durch die Maschen des Format zu schlüpfen, haben 2015 entsprechend fast alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Camps als Ziel vor Augen. 

Okay, Tanja wirkt wie eine Castingshow-Kandidatin aus Grauer Vorzeit. Mit traktorartiger Natürlichkeit irrlichtert sie zwischen den Inszenierungsbojen Boxenluder (»Ach, ist mir heiß, ich zieh mal die Jacke aus!«), junge Akademikerin (»Ich lese Bücher von Dr. Freud!«) und Nesthäkchen (»… aber sagt mal, was ist das denn – Choleriker?«). 

Kurz: Die Alte ist voll turn off - um bei her own Slang zu bleiben. Ironie und dreimal um die Ecke denken hilft nichts. Sie bleibt das kleinste Glühwürmchen im Dschungel.
Der Großteil der diesjährigen Gruppe wirkt darum bemüht, die Contenance zu wahren. Er oder sie selbst zu bleiben. Dass dabei, wie letzte Woche schon erhofft, der Zickenkrieg einem Burgfrieden wich, muss für die Sendungsmacher seit Tag eins den blanken Horror im täglichen Schnitt darstellen. 

Was bleibt, ist eine Gruppendynamik, die sich zumindest bisher von Höflichkeit, Toleranz und Respekt geprägt zeigt. 

Sieht man mal von Walter Freiwald ab.

Die Mockumentary des Jahres: Das erstaunliche Leben des Walter Freiwald 

In dieser Schieflage erscheint die narzisstische Ader von Walter Freiwald wie der letzte Strohhalm der Regie. Was für ein Freak! Hält sich für den Größten! Lästert über alle und sorgt für Ärger! 
Klar, dass er ins Rampenlicht geschoben wird, wo der Rest nichts Brauchbares an Entgrenzung anbietet. 

Doch reicht Walters fast altersdepressiv wirkender Egoismus dafür, die Sendung bis zum Ende zu tragen? 

Ist er überhaupt so krass, wie von RTL inszeniert? 

Fakt ist: So ziemlich jeder (Ex-)Moderator, den man in Szenekneipen von Großstädten kennenlernen könnte, beansprucht an so einem Abend circa 80 Prozent Redeanteil für sich. Gerade wenn er in seinem Leben weitaus weniger als »RTL-Programmchef«, vielmehr als Marktschreier vor Kameras gearbeitet hat. Berufskrankheit.

Aber ist Walter, der mehr als einmal betonte, seinen Humor würde niemand für Humor halten, wirklich davon überzeugt, er sei »natürlich der Bekannteste der Runde«? Zweifel seien erlaubt.

These: Er kann anders und wird sich auch so geben, wenn er sieht, das bringt ihm mehr. 

Und dann werden die abendlichen Minuten mit dem Camp diesem berühmten Film noch ähnlicher als ohnehin schon:
Das Format

Auch echte Dschungel-Fans nutzen die Prüfungen mittlerweile dazu, Zeitung zu lesen, den Abwasch zu machen oder: abzuschalten. Die immer gleichen Spielchen, die schon so vielen Dschungelbewohnern zur Aufgabe gestellt wurden, sind 2015 tot. Diseased. This is an Ex-Prüfung. 

Noch schlimmer: Das Sehen der Dschungelprüfungen macht den Zuschauer trauriger als die letzte Geisterbahn, durch die er gelaufen ist, ohne sich zu fürchten. 

Hier rächt sich die konsequente Null-Innovationspolitik der Franchise-Inhaber. Der einstige Schocker, bei dem die Teilnehmer früher traumatisiert wurden, dient den Kandidaten heute zu vergleichsweise stoisch gefüllter Rampenlichtzeit vor der Kulisse eines verrottenden Waldspielplatzes.
Wie Opfer wirken dabei eigentlich nur noch die beiden Moderatoren, die das tägliche Nichts verwalten. 

Apropos: Wer sitzt in diesem Camp eigentlich wirklich im Knast und kann sich nur durch eine erneute Teilnahme jährlich wieder in Erinnerung rufen?
Genau.

Noch besteht Hoffnung - auch für diese Staffel »Dschungelcamp«. Aber jeden Abend um 22:15 Uhr wurde sie zuletzt ein bisschen weiter getrübt.