×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Der tote Vater

Donald Barthelme

Ein wenig merkt man diesem Buch das Alter dann doch an. Auf Deutsch ist es zuerst 1977 erschienen,
Geschrieben am

Ein wenig merkt man diesem Buch das Alter dann doch an. Auf Deutsch ist es zuerst 1977 erschienen, zu einer Zeit, wo sein postmodernes Selbstverständnis noch avantgardistisch war. Heute gelesen, stimmt es umso glücklicher - und fast schon nostalgisch.


Die barocke Freude an der Oberfläche und Form ist so höchstens noch bei Thomas Pynchon zu finden. Weder die Vaterfigur noch der Plot des Buches können aus heutiger Sicht wirklich reizen. Zu gewöhnlich ist es geworden, eine freudianisch geprägte Vaterfigur mit Zeus und einer Prise alttestamentarischem Rachegott kurzzuschließen. Die anhaltende Kraft des Textes macht sein Stil aus, die Freude am Spiel: Immer wieder fällt "Der tote Vater" aus seinen erzählerischen Passagen und Pasticcios von Wahlkampfreden und ähnlichen Gebrauchstexten in ein parataktisches, fragmentiertes Stakkato.

Bei den wiederholt eingeschobenen Gesprächen der beiden weiblichen Figuren lässt Autor Donald Barthelme einen Singsang entstehen, der den Sinn verschleiert. Ein Leser, der dem Gespräch inhaltlich zu folgen versucht, wird kläglich scheitern. Es geht letztlich nur darum, die stetig wachsende Vertrautheit der Charaktere zu illustrieren. Drohungen und Widersprüche lassen mit der Zeit nach - die Damen wirken am Ende ganz einträchtig in ihrem Stakkatogeschwafel. Der springende Punkt ist, dass Barthelme die Leser dazu auffordert, am Sinn vorbei nur die Funktion seiner Sätze zu lesen. Er lässt es sich aber nicht nehmen, spaßeshalber immer mal wieder auf vorangegangene Gespräche zurückzugreifen, um Zweifel aufkommen zu lassen. Reden die beiden Frauen doch über etwas Sinnvolles?

Dieser misogyne Seitenhieb ist vielleicht dadurch entschuldbar, dass es in dem Buch eigentlich nur um Väter und Söhne geht, so wie häufiger bei Barthelme. Er selbst pflegte ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater. Ein Leben lang plagte ihn das Gefühl, in dessen Schatten zu stehen. Aus diesem Gefühl schmiedet er folgenden Satz: "Du musst dein Vater werden, aber eine blassere, schwächere Ausgabe von ihm." So besiegt man über Generationen hinweg die Väter. Eine bittere Wahrheit aus einem bitteren, rauschenden Buch.