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»Alle sind sich einig, ihr Film ist kontrovers...«

Dietrich Brüggemann über seinen Film »Heil«

Im vergangenen Jahr wurde Dietrich Brüggemanns Religionsdrama »Kreuzweg« auf der Berlinale mit dem silbernen Bären ausgezeichnet. Sein neuer Film »Heil« ist eine Neonazi-Komödie. Wie bitte? Simone Schlosser sprach mit Brüggemann über die Hintergründe einer Schnapsidee.
Geschrieben am
Woher stammt die Idee für »Heil«?
Filme entstehen ja oft aus einer Schnapsidee. So war das auch bei diesem Film. Ich bin damals an einem Plakat zu dem Film »Kriegerin« vorbeigegangen und dachte: Wäre es nicht mal Zeit für eine Nazi-Komödie? Natürlich hatte das auch mit dem NSU-Skandal zu tun. Schließlich spielt darin ganz Deutschland mit all seinen Facetten eine Rolle. Dann hat sich das Drehbuch eigentlich von selbst geschrieben.  

Warum gerade jetzt eine Komödie über Neonazis?

Aktuell gibt es verschiedene Filmprojekte, die versuchen, Neonazis und Komödie zu verbinden. »Er ist wieder da« kommt jetzt im Herbst in die Kinos. Das war für uns einer der Gründe, den Film schnell zu drehen. Ich dachte, der wird dann sowieso in dieselbe Schublade gelegt, da wäre ich doch ganz gerne der erste. Allerdings handelt der Film eigentlich eher von Deutschland als nur von Neonazis.

»Heil« ist ein Rundumschlag, auch Antifa, Medien und Verfassungsschutz bekommen etwas ab. Inwiefern sind wir alle ein Teil des Problems?
Das Problem ist der Umgang mit dem eigenen Land. Man kann nicht »Deutschland« sagen, ohne die Nazi-Zeit mitzudenken. Die Nazi-Zeit ist Nullpunkt und Urknall. Darauf läuft alles zu. Danach läuft es wieder auseinander. Dieses Thema schießt einem einfach immer wieder quer, und ich beobachte, wie die Leute da wahnsinnig schnell Schaum vorm Mund bekommen. Für mich war es Zeit, dass dieses Land als Ganzes einer Betrachtung unterzogen wird.  

Hattest du Probleme, den Film zu finanzieren?

Als ich anfing zu schreiben, dachte ich: Das finanziert dir in Deutschland niemand. Das kannst du vergessen. Dann hat sich aber mit dem silbernen Bären für »Kreuzweg« ein Fenster geöffnet. Das ist wie bei einer Computerspielfigur, die plötzlich eine neue Waffe bekommt. Es ging dann auch mit der Finanzierung einfacher als gedacht. Von den drei Förderungen, die wir beantragt haben, wurden uns zwei zugesagt, wenn auch teilweise mit gewissen Bauchschmerzen.
Der Arbeitstitel für den Film war »Jesus in Brandenburg«. Was war der Grund dafür?
Man kann das Angst nennen, aber man kann das auch einfach Verantwortungsgefühl nennen, denn natürlich möchte man beim Dreh keine Überfälle von Skinheads, auch wenn die Gefahr gering ist. Aber man muss sich eben dagegen absichern. Deswegen haben wir den Film erst mal unter einem anderen Titel gedreht. Aber es gab auch noch einen weiteren Grund. Denn natürlich sind im Osten nicht alle Nazis. Die meisten sind anständige Leute, die sich selber immer wieder klar dagegen stellen. Da kann ich eben schlecht kommen, und sagen: »Ich möchte jetzt bei ihnen in der Kneipe einen Film drehen, in dem der Hitlergruß gemacht wird, und der Film heißt übrigens »Heil«. Der Titel macht schließlich erst im Nachhinein Sinn.  

Du hast in dem Film ein unglaubliches Ensemble vereint. Es gibt mehr als hundert Sprecherrollen, darunter  Musiker wie Thees Uhlmann und Bernd Begemann. Wie ist das zustande gekommen?

Einen Film mit mehr als hundert größeren und kleineren Rollen wollte ich nicht nur mit Schauspielern besetzen. Einmal ist es für Schauspieler total unbefriedigend, wenn die kommen, und nur einen einzigen Satz sagen dürfen. Außerdem hat man eine viel größere Typen-Bandbreite, wenn man sich nicht auf Schauspieler beschränkt. Nebenher ist es aber auch einfach ein Spaß, weil man die ganzen Leute eben kennt und schon ahnt, welche Rollen zu ihnen passen könnten. Besonders schön ist es immer, die dann ihr eigenes Gegenteil darstellen zu lassen. Die ganzen Grand Hotel von Cleef-Gestalten zum Beispiel, die aus der Punk-Szene kommen, und sich mit allem identifizieren können, nur nicht mit Bullen, lässt man eben Polizisten spielen. Das hat seine eigene Schönheit.

Was glaubst du, wie der Film ankommen wird?

Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Es gibt immer so den Wunsch, dass alle anderen das genauso lustig finden wie man selbst. Aber die Erfahrung zeigt eben, dass viele Leute eine andere Art von Humor haben oder eben auch gar keinen Humor. Das kann man nicht vorhersagen. Aber natürlich antizipiert der Film in gewisser Weise seine eigene Rezeption mit, wenn da ein Typ in einer Talkshow sitzt, der so heißt wie ich, und zu dem die Moderatorin dann sagt: »Alle sind sich einig, ihr Film ist kontrovers...« Das ist ein schöner Widerspruch in sich. Aber vielleicht passiert auch genau das: dass sich eben alle einig sind, dass der Film kontrovers ist, und dann ist er es eben nicht mehr.  

In der Talkshow fällt auch der Satz: »Ich finde deutsche Filme eigentlich nie lustig.«

Es ist ein Phänomen. Sobald man irgendeinen Film-Trailer auf Youtube stellt, rotten sich sofort die Leute zusammen, die meinen, deutscher Film sei sowieso Scheiße. Das ist dieser komische Anti-Deutsche-Filme-Mob. Ich weiß nicht, wo der herkommt. Aber den gibt es.  

Wie siehst du selber den deutschen Film? Du hast vor zwei Jahren ein Pamphlet gegen die Berliner Schule geschrieben. In deinem Film besetzt du die beiden Filmemacher Jakob und Tom Lass. Ist das ein Bekenntnis zum neuen deutschen Film?

Was ich bei den Lass-Brüdern mag, oder auch bei Axel Ranisch, oder bei Aron Lehmann, ist ihre offene Haltung den Figuren gegenüber. Dass man die mag, und dass man sie nicht behandelt wie Kleinkinder oder wie Insekten, sondern dass man denen ihr eigenes Leben gestattet. Also dass der Film vom Herz und vom Geist her groß genug ist, um den Figuren eine gewisse Bandbreite an Handlungen zu erlauben. Das habe ich in der Berliner Schule bei aller künstlerischen Qualität immer total vermisst. Insofern ist es kein Zufall, dass die Lass-Brüder im Film auftauchen.  

Würdest du dir wünschen, dass »Heil« so eine Debatte anstößt, wie sie im Film entsteht?
Ich habe den Horror davor, dass wir eine Debatte anstoßen. Die Vorstellung, dass ich selber in Talkshows sitze, und Statements abfeuere, ist das Schlimmste, was passieren könnte.

Hier geht es zu unserer Filmkritik zu 
»Heil«.