×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Rückkehr des Hardcore-Barock

Dietmar Dath

'Für Immer In Honig', Implex, 971 S., EUR 36 “Wann werden wir frei sein?” fragt sich Protagonistin Beate im ersten Kapitel von Dietmar Daths neuem, satte 971 Seiten umfassenden Roman. Die Antwort muss wohl lauten: Niemals. Denn die Menschen in Daths Romanen sind Teil von Verstrickungen, deren
Geschrieben am
'Für Immer In Honig', Implex, 971 S., EUR 36

“Wann werden wir frei sein?” fragt sich Protagonistin Beate im ersten Kapitel von Dietmar Daths neuem, satte 971 Seiten umfassenden Roman. Die Antwort muss wohl lauten: Niemals. Denn die Menschen in Daths Romanen sind Teil von Verstrickungen, deren Kräfte außerhalb ihrer Einflussnahme liegen. Als habe Dath mit “Für Immer In Honig” sein Opus magnum schreiben wollen, wird hier der ganze eigenweltliche Kosmos des ehemaligen Spex-Redakteurs in einer Fülle über den Leserinnen und Lesern ausgeschüttet, die einen schwindelig werden lässt. Man hat den Eindruck, dass in diesem Buch kein Phänomen zwischen Himmel und Erde ausgespart wurde, dass hier also tatsächlich einer noch einmal geradezu weltumspannende Literatur verfassen wollte. Zu den Themen, die in “Für Immer In Honig” eine wichtige Rolle spielen, zählen unter anderem Mathematik, Okkultismus, Terrorismus, Marxismus, postmoderne Philosophie, Musikjournalismus, Weltpolitik, Heavy Metal, Aids, Verschwörungstheorien, Architektur, Science-Fiction und Neonazis. Die Liste ließe sich um noch etwa achthundert weitere Phänomene erweitern. Ist Dietmar Dath damit der letzte Universalgelehrte? Ein vom Wissen Besessener, der in allen Disziplinen souverän zu Hause ist? Ein Humboldt der Postmoderne?

Na ja, man könnte ihn zugleich auch einen Blender nennen, der alles nur streift und effektvoll einsetzt, um uns vorzuführen, wie sehr es in dieser Welt nur noch vor Diskursen wimmelt – ein Wunder, dass wir Menschen uns darin überhaupt noch zurechtfinden. Wie alle Autoren, die Verschwörungstheorien zumindest als Idee lieben, entführt uns Dath in eine größtmöglich komplexe Welt, in der sich letztlich alle nur denkbaren Fäden geheimnisvoll verbinden lassen, in der Komplexität also nur dem Clou unterliegt, dass doch alles miteinander zusammenhängt. Das hat Daths im Implex-Verlag erschienenes Buch mit den Romanen von Thomas Pynchon gemeinsam. Doch während es Pynchon schafft, zumindest die Illusion von kausalen Zusammenhängen zu erzeugen, gelingt Dath oft nur ein literarisches Zapping: Von der Lovestory zum Horrorfilm, von “Terranova” zu “Kulturzeit”.

Ursprünglich sollte Daths Roman “Cordula Killt Dich!” der erste von sechs Romanen sein, bis Dath sich entschieden hatte, die kommenden Bände in einem einzigen Roman zu vereinen. Deshalb begegnen wir hier einer Unmenge an Personen. Deren Namen finden sich zur Übersicht am Beginn des Buches aufgelistet. Das erinnert an alte Dostojewski-Schmöker – allerdings nur das. Denn der Realismus, mit dem Dath seine einzelnen Erzählstränge beginnen lässt, kippt sehr schnell ins Genrehafte, wird überlagert von Science-Fiction, Politthriller, Gangster- oder Horrorstory.

Erzählt wird unter anderem die Geschichte von der Kunstbuchlektorin Beate Eich, die sich in den Buchhändler Fred Schörs verliebt und mit ihm nach Freiburg im Breisgau zieht – eines von vielen autobiografischen Details, mit denen Dath gerne zusätzliche Verwirrung stiftet. Und da ist die Geschichte von Valerie Thiel, dem wohl ersten SMS-Durchschnitts-Mädchen der Klingelton-Epoche, das Einzug in die deutschsprachige Literatur gehalten hat. Doch durchschnittlich verläuft der Lebensweg aller Protagonisten immer nur für wenige Seiten. Schließlich hat Valerie einen Serienmörder als Vater und Beate eine terroristische Vergangenheit. Einmal ganz zu schweigen vom versoffenen Mathematiker Philipp Klatt, der zu seiner Neonazi-Freundin aufs Land zieht. Ist das alles nicht zu konstruiert? – Ja und nein. Das Buch bildet nahezu das ganze Spektrum dessen ab, was die öffentliche Diskussion in den letzten zehn Jahren bestimmt hat, doch es spiegelt dies auf absurde Weise: Die großen realen wie fiktionalen Issues werden den Biografien der Protagonisten eingeschrieben, was verhindert, dass es überhaupt noch ganz normale Menschen gibt, die nicht Spielball eines gigantischen Welttheaters wären. “Für Immer In Honig” ist damit die Rückkehr des Hardcore-Barock.

Aus diesem Grund kann einiges an dem Roman bemängelt werden. Vor allem die Tatsache, dass Dath seine Charaktere nicht in die Tiefe hinein entwickelt, dass er ihre Beziehungen und Empfindungen nur andeutet, stets pendelnd zwischen einer banalen Alltag abbildenden Literatur, Trivialliteratur-Zitat und Meta-Diskurs. Ist es das, was uns die Lehrbücher einst als postmoderne Literatur verkauft haben? Nein, denn es geht sogar darüber hinaus. Es ist sowohl Post-Kabelfernsehen- wie auch Post-Pop- und Post-Theorie-Literatur, in der sich nur zurechtfindet, wer TV-Dämonenserien ebenso wie Black-Metal-Bands und Michel Foucault kennt. Bei allem formalen Mangel ist zumindest Daths Ansatz ebenso radikal wie zeitgemäß: Wer immer noch glaubt, zwischen E- und U-Kultur trennen zu können, wer arte auf die Eins geschaltet hat und RTL gelöscht oder wer glaubt, dass Kunst und Wissenschaft zwei Campus-Meilen voneinander entfernt sein müssen, wird hier freudig abgewatscht. Elitär nämlich sind diejenigen, die ihren Diskurs hermetisch abriegeln, nicht Dath, der mit allem frech und heiter spielt.