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Ausprobiert: das neue Kinect, »Forza 5« und mehr

Die Wahrheit über Xbox One

Die Playstation 4 hat er für Intro schon angespielt, jetzt widmet sich Gaming-Experte Jan Bojaryn der Xbox One. In einem Einkaufszentrum und zu Hause.
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Im Obergeschoss der Altmarkt-Galerie warte ich zwischen bunt gemischten Menschen, vereint durch ihre etwas blasse Gesichtsfarbe. Es ist das erste Mal, dass ich mir eine Spielkonsole zum offiziellen Verkaufsstart hole. Ich bin über 30. Während ich mir einreden kann, dass ich rein beruflich um 20 nach Neun morgens in einer Mall auf eine Ladenöffnung warte, haben die meisten um mich herum keine Ausrede. Einige Familienväter bleiben verschämt auf Distanz, stehen wie zufällig hinter Sitzbänken und Mülleimern. Eine Kleinfamilie atmet dagegen schon die Glastüren an. Der Vater hat sein Baby auf dem Arm, er ist tätowiert und er trägt stolz das exklusive Day-One-Vorbesteller-Shirt.

In Zeiten des Internets gibt es keinen guten Grund zum Erscheinungstermin der Xbox One vor einem Laden zu warten, hereinzustürmen und sich dann die Konsole zu kaufen. Erstens hätte man vorbestellen können, zweitens ist der Kauf einer Konsole zum Verkaufsstart nie eine rationale Entscheidung. Anfangs sind die Spiele garantiert schlecht, die Auswahl dünn, die Kiste selbst zu teuer. Und die Onlinedienste brechen unter der Last der Neukäufer oft zusammen.

 

An der Kasse steht der Tätowierte gleich hinter mir und sieht, dass ich die normale Version kaufe. Er hat die exklusive Day-One-Edition mit Krönchen für‘s Online-Profil, kleinem Siegel auf dem Controller und vor allem: verpackt in einem schwarzen Karton. Mein Karton ist grün. »Der sieht scheiße aus«, feixt er. Ich grinse verlegen.

 

Beim Auspacken der Konsole sitzt meine Frau feixend im Wohnzimmer. »Wie ein Achtjähriger«, murmelt sie, als sie meinen Gesichtsausdruck sieht. Sie hat natürlich unrecht, als Achtjähriger hätte ich die Aufregung gar nicht ertragen. Jetzt schwitzen mir nicht einmal die Hände. Ich mag die Playstation 4 in einer schicken Lounge gespielt haben, aber unweigerlich testet man anderswo nicht nur die vorgestellten Spiele, sondern auch den Fernseher, die Lichtbedingungen und das Sitzmöbel. Was die neue Konsolengeneration wirklich bedeutet, werde ich zuhause erleben. Mein Fernseher ist kleiner, dafür schmeckt die Cola besser.

 

I just can‘t control my feet

 

Jede Xbox One wird mit dem neuen Kinect verkauft - einem Kamerasensor, der ein wenig an ein futuristisches Autoradio erinnert, und der alles kann. Kinect kann Gesichter erkennen, Finger zählen, im Dunkeln sehen, Geräusche filtern, Sprachbefehle erkennen und vom Tisch fallen.

 

Schon bei der ersten Anmeldung erschreckt mich die Xbox damit, dass sie mir plötzlich zeigt, wie ich mit hängenden Armen im Raum stehe. Sie sieht nicht nur mich, sondern das ganze große Wohnzimmer, auch meine Frau am Esstisch ist im Bild. Mit einem schwebenden Pfeil im Bild rät die Konsole richtig, wo ich stehe.

Weniger berauschend sind die ersten Spracheingaben. Wenn man die deutschen Befehle nicht kennt, klappt nichts. Und Aussprache ist wichtig. Aus irgendeinem Grund bleibt die Xbox stumm, wenn ich »Xbox, gehe zu Internet Explorer« sage. Trotzig verlange ich nach Firefox, auch da tut sie nichts. Das ist das große Blamagepotential von Sprach- und Gestensteuerung: wenn sie funktioniert, wirkt es magisch. Wenn nicht, steht man wie ein Vollidiot im Wohnzimmer, winkt dem Fernseher zu und sagt Zaubersprüche auf.

 

Bis meine Freunde zu Besuch kommen, habe ich die Befehle gelernt. Die Powergeste, damit Schluss ist: einen virtuellen Vorhang in der Luft zuziehen. Die aktuelle Anwendung wird beendet, die Xbox geht zum Startbildschirm. Spiele, um Freunde zu beeindrucken, gibt es bisher indes kaum; wie auch auf der Playstation. Das antike Kampfspiel »Ryse: Son Of Rome« sieht spektakulär aus, erschöpft sich aber schnell. In »Zoo Tycoon« weiß ich schon, wie man Elefanten mit Kinect füttert, indem man ihnen die leere Hand hinstreckt. Aber angeblich soll es auch High Five mit Löwen geben. Das finde ich auf die Schnelle nicht. Und auch hier muss ich alle Gesten einstudieren, intuitiv wirkt das nicht gerade. Was dagegen jeder sofort versteht, ist »Just Dance 2014«. Das neue Spiel in der Tanzserie ist genauso bescheuert, wie die unzähligen Titel davor. Es funktioniert merklich besser, als auf der Wii, aber immer noch nicht gut. Hartnäckig denkt es, die Zuschauer auf dem Sofa würden mittanzen, und gibt den regungslos Staunenden bedenklich viele Punkte. Blame it on the Boogie.

 


 

 

 

Meinen ersten magischen Moment erlebe ich erst am Tag darauf, als ich endlich eine ruhige Minute mit »Forza 5« finde. Ich habe nicht auf »Forza« gewartet, es ist noch eine Rennsimulation mit noch ein bisschen schärferer Grafik. Es sieht tatsächlich eine Ecke besser aus, aber Rennspiele kann man beim Vorbeigehen schon auf den alten Konsolen mit TV-Übertragungen verwechseln. Als ich jedoch entspannt der Ideallinie in die zweite Kurve folge, passiert etwas merkwürdiges: Ich werde von hinten gerammt und schlittere in die Bande. Der Fahrer hinter mir fährt wie eine gesengte Sau - wie ein Mensch. »Forza 5« merkt sich das Fahrverhalten seiner Spieler und bevölkert damit auch die Einzelspielerrennen. Ist das die Revolution? Es ist immerhin der Ausblick auf etwas Neues, dass ich so noch nie gespielt habe.