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Drogenbeauftragter im Märchenland

Die Reise Ins Glück

Es ist, als hätte sich da einer zur wahnsinnigen Aufgabe gemacht, die ›Lurchi‹-Comics aus dem Hause Salamander als Spielfilm umzusetzen. Echte Bären, Hasen und Kröten stapfen, tapsen oder hüpfen durchs Bild, können natürlich allesamt sprechen und begleiten den alternden Kapitän Gustav auf seiner l
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Es ist, als hätte sich da einer zur wahnsinnigen Aufgabe gemacht, die ›Lurchi‹-Comics aus dem Hause Salamander als Spielfilm umzusetzen. Echte Bären, Hasen und Kröten stapfen, tapsen oder hüpfen durchs Bild, können natürlich allesamt sprechen und begleiten den alternden Kapitän Gustav auf seiner letzten Abenteuerreise vorm Ruhestand. Auch die leichten politischen Unkorrektheiten aus ›Lurchi‹ und ›Tim Und Struppi‹ fehlen nicht, darunter eine mit Schuhcreme rabenschwarz angemalte Bordbesatzung, die den Gassenhauer ›Tellerlip Girl‹ anstimmt. Doch das, was Wenzel Storchs Kino so einzigartig macht, ist der verzerrte Blick des längst abgebrühten Erwachsenen auf diese gar nicht mehr unschuldige Kinderwelt. Sie wird so zum Zerrspiegel, in dem Naivität und Zoten einander brechen. Da begattet das geile Kaninchen eine Kuckucksuhr und verwandelt sich daraufhin in eine Zeitmaschine, während das in Form einer Weinbergschnecke gestaltete Schiff von Kapitän Gustav sein triefendes Geschlechtsorgan gegen Ende des Films in ein Kirchengebäude stecken muss, um eine ähnliche Verwandlung zu erwirken. Der Einsatz von Körpersäften und Splattereinlagen (unter Mitwirkung von Jörg Buttgereit) dient dazu, uns immer wieder darauf hinzuweisen, dass wir uns nicht in einem Kinderfilm befinden. Doch selbst noch die Brüche werden nicht provokant, sondern mit kindlicher Neugier an Grenzüberschreitung gestaltet und machen das Kino des Wenzel Storch in seinen besten Momenten zu einem visuellen Pendant der Moldy Peaches – Lieblichkeit und Crack-Rausch in einem. Wenzel Storch gibt zu, dass ihn die Einnahme von LSD einst zum Film gebracht hat – zu seinem ganz speziellen Filmverständnis, das keiner anderen Logik folgt als der totalen Bildbesoffenheit. Mehr als zehn Jahre nach ›Sommer Der Liebe‹ (1992) beweist Storch wieder einmal, wie absolutes Kino funktioniert: Hier sollte keiner nach Handlung, nach Logik oder Moral fragen (obwohl ›Die Reise Ins Glück‹ auch als Märchen funktioniert, in dem es nur völlig Gute und völlig Böse gibt), hier zählt alleine die Stimmigkeit der Bilder, die auch deshalb wie ein Trip oder ein Traum wirken, weil Trips und Träume uns immer wieder in die Welt unserer Kindheit zurückführen.

Ein so eigenweltlicher Film kann nur funktionieren, wenn der Regisseur Perfektionist ist. »Die Ausgangsidee war, aus vorgefundenem und zusammengesuchtem Material einen prunkvollen Palast und ein riesiges Schiff zu basteln«, erzählt Storch. »Im Laufe der ersten zwei Jahre entstand aus dem Materialberg ein richtiges Kulissendorf. Auf der einen Seite das Schloss des bösen Königs, auf der anderen das Schneckenschiff, komplett mit Ballsaal, Maschinenraum, Bordkino, diversen Korridoren. Am Ende hatten wir 60 Tonnen Material verbaut.« Ähnlich wie bei den Installationen des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn verblüfft Wenzel Storch mit Kulissen, die prunkvoll und bizarr wirken, obwohl sie doch aus Alltagsschrott bestehen.

Dass Storch an die fantasievollen Kulissen des expressionistischen Kinos der 1920er anknüpft, ist eine Sache, die andere, wie eindrucksvoll er seinen assoziativen Trip dann doch an ein klassisches Melodram rückzubinden versteht. Auf der Insel, die König Gustav und seine kinderreiche Familie ansegeln, regiert nämlich jener böse König Knuffi, der zu Jugendzeiten Gustavs Nebenbuhler war – und dies, obwohl ihm Gustav einmal das Leben gerettet hatte. Was liegt da näher, als dass Knuffi Gustavs Frau entführt? Mehrere spektakuläre Rettungsversuche und Zeitmaschinen-Fahrten sind notwendig, um die Geliebte zu retten und zu dem einem Melodram wie auch Kinderfilm angemessenen Happyend zu führen. Weil Wenzel Storch jedoch ein von seinem Hildesheimer Wohnsitz weichgeklopfter Spinner ist, ein typischer Fall von einem zu überambitionierter Eigenweltlichkeit neigenden Künstler in der Provinz, kommt diese Handlung ganz ohne kommunikativ stringente Dialoge aus. Wie schon in ›Sommer Der Liebe‹ besteht Sprache aus einer Aneinanderreihung von Floskeln und abgegriffener Jugendsprache à la »knorke« und »auf die Ömme«. Auch dies macht klar, dass wir uns in einer totalen Filmwelt befinden, die nichts mit jener »grauen Wirklichkeit« (Storch) zu tun hat, in der wir Menschen uns bemühen müssen, verstehbar zu sprechen. Auf internationalen Festivals war ›Die Reise Ins Glück‹ bereits ein enormer Erfolg. »Wie Terry Gilliam auf Crack« und »eine Kreuzung aus Münchhausen, Caligula und Sesamstraße« war in der amerikanischen Presse zu lesen. Entstehen konnte der Film, der in Deutschland nur in wenigen Kinos anlaufen wird, alleine dank privater Geldspenden. Nur zu verständlich, dass Storch für dieses Land und dessen Film nur wenig übrig hat: »Deutscher Film ist scheiße, damit hab ich nix zu tun. Den deutschen Autorenfilm fand ich (mit Ausnahmen wie dem frühen Achternbusch) auch nicht viel besser, und dieser doofe verkopfte und verkrampfte Fassbinder/Wenders-Kram ist halt von genauso doofem Witzefilmkram abgelöst worden.«

Sommer Der Liebe
In der Blumenkinder-Persiflage mutiert ein frommes Kloster zur verkifften Lasterhöhle. Protagonist war schon damals Jürgen Höhne, Fernfahrer in Rente, der in der ›Reise Ins Glück‹ den Kapitän Gustav spielt. Der auf Super-8 gedrehte Film gilt als der bislang größte deutsche Eigenverleih-Erfolg. Die Reise Ins Glück BRD 2004 R: Wenzel Storch; D: Jürgen Höhne, Jasmin Harnau; 73 min.; ab Januar und Februar in ausgewählten Programmkinos

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